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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 42 - 52

BACH, Hugo,

Bekleidungsgeschäft, Kapellenstraße 38

 

KARL  NEIDLINGER  /  DR . UDO  BA YER

Hugo Bach, geb. 18. 2. 1888 in Laupheim, Kaufmann, gest. in Kalifornien, OO Selma Bach, geb. Stiefel, geb. 2. 1. 1889 in Menzingen/Bruchsal. 
 Max Bach, geb. 24. 1. 1921 in Laupheim,
 Heinz Julius Bach, geb. 23. 3. 1922 in Laupheim, gest. in USA.

Bruder: Ernst Bach, geboren 1894
Großmutter: Mathilde Bach, geb. Friedberger, geb. am 28. 2. 1866 in Laupheim, gest. am 24. 11. 1936 in Laupheim. Witwe von Max Bach, geb. 1852 in Mühringen/OA Horb, gest. 6. 4. 1916 in Laupheim.
Flucht der Familie am 30. März 1933 nach Frankreich, 1938 Emigration in die USA (Kalifornien). 




Hugo Bach (Mitte) als Erstklässler an der

israelitischen Volksschule Laupheim, 1894/1895.

(John-Bergmann-Nachlass, L.-Baeck-Institut, NY)


Die in Mühringen, Oberamt Horb, lebenden Vorfahren der Familie Bach schrieben sich bis 1828 „Bachmann“, abgeleitet von der Lage ihres Wohnhauses am Mühringer Dorfbach. Dann wurde der Familienname zu „Bachvereinfacht, wie John H. Bergmanns genealogische Forschungen ergaben. Der im Jahr 1852 in Mühringen geborene Max Bach verheiratete sich im November 1877 nach Laupheim, doch seine erste Frau Helene Neuburger verstarb 29jährig schon im Jahr 1885. Seine zweite Frau war Mathilde Friedberger, eine Schwester von Markus Friedberger (s. S. 213), und sie heirateten 1886. Der Handel mit Textilien und Haushaltswaren sowie Artikeln für das tägliche Leben bildete die Lebensgrundlage der Familie seit der Ankunft Max Bachs in Laupheim, wie die oben abgebildete Anzeige eines Jubiläumsverkaufs zum 50jährigen Geschäftsjubiläum vom Oktober 1928 rückschließen lässt.

 

 

 Jubiläums-Verkauf zum 50jährigen Bestehen 1928.

Max Bach hat demnach im Jahr 1878 mit dem Textilhandel begonnen.

(„Laupheimer Verkündiger“, 11. 10. 1928)

  

Alle drei Söhne Max Bachs, Fritz (geboren 1878), Hugo und Ernst (geboren 1894) dienten im Ersten Weltkrieg als Soldaten und kehrten nach Ende des Krieges 1918 heil zurück. Hugo war mit einem Ulmer Infanterieregiment die meiste Zeit an der Westfront eingesetzt, wo er die Schlacht um Verdun in ganzer Länge mitmachte und es bis zum Unteroffizier brachte.

Unmittelbar nach seiner Rückkehr heiratete er am 30. Dezember 1918 Selma Stiefel aus Menzingen bei Bruchsal. 1921 und 1922 wurden die beiden Söhne Max und Heinz geboren. Bis 1926 führte Hugo zusammen mit seiner Mutter das elterliche Geschäft in der Kapellenstraße 37 weiter. Dann verkaufte Mathilde Bach es an ihren Sohn gegen eine feste monatliche Rente, das Wohnrecht in dem Haus und eine 1933 noch nicht abbezahlte feste Kaufsumme.


Kapellenstraße 40 und 38, zwei beinahe identische Häuser mit einem neubarocken Giebel zur Straße hin. Das rechte davon, Kapellenstraße 38, bis vor kurzem noch die Firma Dilger, war Wohn- und Geschäftshaus der Familie Bach.       
(Foto: K. Neidlinger)

Die Inserate der Firma im Laupheimer Verkündiger“, von denen eine Auswahl auf den folgenden Seiten zu sehen ist, fallen durch ungewöhnliche Ideen, großflächige Formate und manchmal schlagwortartige Texte ein wenig aus dem Rahmen des damals Üblichen: Sie wirken teilweise richtig modern! Hugo Bach musste sich gegen eine erhebliche Konkurrenz am Ort durchsetzen: Die Firmen D. M. Einstein mit einem modernen, großzügigen Kaufhaus am Marktplatz, Hugo Hofheimer und Julius Heumann in der Mittelstraße führten ein ganz ähnliches Warensortiment.

Ein zweites wirtschaftliches Standbein neben dem Ladengeschäft bildete bei der Firma Bach der Großhandel mit Kurzwaren verschiedenster Art. Sie belieferte einen festen Stamm von Hausierern, wobei ein Schwerpunkt des Absatzgebietes in Bayern lag.

Daher besaß auch Hugo Bach schon in den 20er Jahren ein Auto: einen Steiger und danach einen Benz. Nach den Erinnerungen seines 1921 geborenen Sohnes Max war er manchmal bis zu drei Wochen am Stück auf Geschäftsreisen. Dieser Geschäftszweig gewann zunehmend an Bedeutung und nach Beginn der großen Wirtschaftskrise in den 30er Jahren besaß er Priorität.


            
   


Bestens
eingestellt auf die christliche Kundschaft: Alles zu Weihnachten, für die Erstkommunion, ja sogar Pfingstangebote! (Wahrscheinlich führte Hugo Bach auch Rosenkränze.)


 

Diese Annonce stammt aus dem  Jahr J 914. Mit der"schweren Zeit" ist der Erste Weltkrieg gemeint, der schon vier  Monate andaverle. Die Hoffnungen auf einen  schnellen Sieg hatten sich nicht er llt.

  

Emigration

Die Familie Hugo Bach war die allererste jüdische Familie, die nach der Machtergreifung Hitlers Laupheim verließ. Am 30. März 1933 reisten die Eltern mit den beiden Kindern über Saarbrücken nach Frankreich aus, zunächst nach Straßburg und wenige Monate später nach Paris. Zu dieser Entscheidung trugen politische, wirtschaftliche und persönliche Motive gleichermaßen bei, und es handelte sich, nach der Erzählung des Sohnes Max und der Einschätzung staatlicher Stellen, um eine Flucht.

Sein Vater Hugo war nach der Erinnerung Max Bachs in Laupheim nicht glücklich. Der jüdischen Gemeinde und dem Judentum war die Familie fast gänzlich entfremdet, am gesellschaftlichen Leben nahm Hugo Bach kaum teil. Er war „eine sehr private Person, hat hier nicht die Gelegenheit gehabt, sich zu verstecken“, viel lieber hätte er in einer anonymen Großstadt gelebt. Mit seinem wachen, kritischen Geist machte er sich seine eigenen Gedanken und danach handelte er auch. „Lieber eine falsche Entscheidung als gar keine“, war einer seiner Grundsätze.

Seit 1931, seit Einsetzen der großen Depression, wollte die Familie Deutschland verlassen, doch die rigiden Steuergesetze der Regierung Brüning, mit denen Kapitalabfluss ins Ausland verhindert werden sollte, erschwerten dies. Um die sogenannte „Reichsfluchtsteuer“ zu umgehen, brachte Hugo Bach sein Vermögen schon vor 1933 nach und nach im Ausland, vor allem auf Schweizer Konten, in Sicherheit. Den Großhandel, mit dem offenbar noch eher etwas zu verdienen war, baute er aus, das Ladengeschäft in Laupheim dagegen wurde reduziert.

Politisch war Hugo Bach sehr konservativ eingestellt, er wählte deutschnational. Sein Sohn meinte: „Der Partei, die er wählte, hätte er mit seiner Abstammung gar nicht beitreten können“, doch er betätigte sich politisch nicht aktiv. Als DNVP- Wähler hielt er von der Weimarer Demokratie nicht sehr viel, den Zentrumskanzler Brüning hasste er geradezu. Im Verlauf der Wirtschaftskrise gelangte er zu der Überzeugung, dass Deutschland entweder kommunistisch oder nationalsozialistisch werden würde, was für ihn keinen großen Unterschied machte, und die Demokratie keinen Bestand haben würde. Deshalb bemühte er sich um ein Niederlassungsrecht in der Schweiz, das er im Kanton Chur dann auch bekam. Doch dann ging es am 30. März 1933 ganz schnell und er entschied sich spontan anders.

Es war der letzte Tag vor den Osterferien, und Max Bach kam mit einem schlechten Gewissen von der Realschule heim. Er erwartete Schelte, da er ohne Erlaubnis einen Fußball mit in die Schule genommen hatte, doch alles kam anders. Mutter begrüßte ihn aufgeregt, ohne sich für den Fußball zu interessieren: „Wir müssen sofort nach Ulm“. Max aß noch kurz und nach einer Viertelstunde fuhren sie zu viert ab: der Chauffeur, Selma Bach und die beiden Söhne, dazu ein paar Koffer. Allmählich erfuhr Max den Grund der überstürzten Reise.

Am Morgen waren zwei Männer, wahrscheinlich von der Zollfahndung, in den Laden gekommen, um Hugo Bach zu sprechen. Dieser befand sich gerade im Garten hinter dem Haus, doch die Angestellte, die ihn holen wollte, musste den „wie Polizisten aussehenden Männern“ ausrichten, er sei nicht da, sondern in Biberach. Sofort lieh sich Hugo Bach ein Auto und fuhr nach Ulm. Dort hob er sein gesamtes Barvermögen ab, wobei der Chauffeur noch behilflich war, und  gab dann der  nachgekommenen Familie seine Entscheidung bekannt: Wir gehen über Saarbrücken nach Frankreich, nicht in die Schweiz. Mutter wäre zwar lieber wieder nach Laupheim zurückgefahren, doch sie war es gewohnt, die Entscheidungen ihres Mannes zu akzeptieren. Da die Zollfahnder dachten, er habe sich über Biberach Richtung Süden in die Schweiz abgesetzt, schickten sie tags darauf seinen Steckbrief an die Schweizer Grenze, nicht aber an die französische. So war der Grenzübertritt nach Frankreich kein Problem, und sie ließen sich in Straßburg nieder.

Hugo Bach hatte sein beträchtliches finanzielles Vermögen mitnehmen können, und so kam die Familie gut über die Runden. „Es war das Glück und es war die Tragödie seines Lebens, er hat nicht mehr gearbeitet“, erinnert sich sein Sohn. Die  Großmutter Mathilde war allerdings in Laupheim zurückgeblieben. Das Geschäft wurde zunächst von dem Abwesenheitspfleger Josef Biber, „Zum Schwanen“, weitergeführt, ab Februar 1934 wieder von Mathilde Bach selbst. Sie hätte das Haus und das Geschäft gern wieder zurückgekauft, um eine Lebensgrundlage zu haben. Doch dies scheiterte an astronomisch hohen  Steuernachforderungen: Das Finanzamt forderte 50 000 RM Reichsfluchtsteuer, die  Stadt stellte Gewerbesteuer-Nachforderungen in Höhe von 4200 RM. Und das bei durchschnittlich 437 RM monatlichen Bruttoverdienstes aus dem Ladengeschäft im Jahr 1933. Auch ihre monatliche Rente bekam Mathilde Bach ja nun nicht mehr und das Geld aus dem Hausverkauf hatte sie auch noch nicht. Der Versuch der Familie, sie nach Frankreich nachkommen zu lassen, scheiterte 1935. Aus politischen Gründen und wegen der Sicherheitsleistung für die Reichsfluchtsteuer weigerten sich die deutschen Behörden, einen Reisepass für sie auszustellen. Siebzigjährig starb Mathilde Bach am 24. November 1936 in Laupheim. Auf dem Friedhof liegt sie neben ihrer 1926 verstorbenen Schwägerin Thirza Ascher, geb. Bach, begraben, beide haben einen identischen Grabstein bekommen.

 

„Eine einstens wohlhabende ältere Frau“: Mathilde Bach

Anfang der 30er Jahre, auf einem Friedberger-Familienfoto.

(J.-Bergmann-Nachlass, L.-Baeck-Institut NY)

Im Herbst 1938 verließen die Bachs Frankreich, so schnell, wie sie 1933 Deutschland verlassen hatten. Die Eltern machten Ende September gerade Urlaub in der Schweiz, als Hitler bei der Münchner Konferenz die Westmächte über den Tisch zog und das Sudetenland zugesprochen bekam. Hugo Bach brach den Urlaub sofort ab und fuhr nach Paris zurück, um Visa für die USA zu besorgen. Ihm war nun klar, dass der Krieg kommen und auch Frankreich erreichen würde. Da er noch genügend Vermögen nachweisen konnte, benötigte er keine Affidavits für die USA. Vor dem Jahreswechsel war die ganze Familie in New York.

 

Max Bach

Die frühe Emigration im Alter von zwölf Jahren, das Glück, keine Nazis oder Nazischikanen kennengelernt zu haben, hat bei Max Bach eine Erinnerung an Laupheim und an Deutschland bewahrt, die ohne Schatten ist: 

Meine frühen Jugendjahre waren in Laupheim  und ich habe ein warmes Gefühl für die Stadt und die Einwohner, die mir diese Zeit gegeben haben. Ich habe nie von Deutschland eine Wiedergutmachung oder etwas verlangt. Für mich war die Auswanderung eine Befreiung: Meine Jahre in Paris, meine Lehrjahre und dann Amerika gaben mir, was im Leben am wertvollsten ist: die Wahl, die Freiheit. Wäre meine Familie in Laupheim  geblieben, was wäre meine Zukunft als Sohn eines jüdischen Kaufmanns gewesen, auch wenn es nie einen Hitler gegeben hätte? Meine Berufswahl wäre Geschäftsmann, Arzt oder Rechtsanwalt gewesen, und zu keinem davon hatte ich weder die geringste Lust noch Talent.

Sein jüngerer Bruder Heinz, der schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts verstarb, wurde Bibliothekar. Er selber unterrichtete Sprachen, vor allem Französisch, und war später Professor für Romanistik an der Universität von Davis/Kalifornien. Seine Frau lernte er als US-Soldat 1945 in Frankreich kennen, sie war dann Mathematikprofessorin an einer anderen kalifornischen Universität.

Dass die Familie in Kalifornien landete, ist einem negativen Charakterzug Hugo Bachs zuzuschreiben: Er konnte manche Menschen abgrundtief hassen, und am meisten hasste er seine Schwiegermutter. Die Familie Stiefel befand sich bei seiner Ankunft aber schon in New York, und somit war für ihn klar: Am weitesten von New York entfernt liegt Kalifornien, also zog er dorthin. Wenn meine Mutter ihre Familie in Kalifornien gehabt hätte, wäre er vielleicht nach New York gezogen.“


 

„Für mich ist Kalifornien das Paradies – Paradies gibt's leider nicht–, aber es ist für mich schwer zu begreifen, wie man wo anders leben  kann“. Max Bach vor dem ersten Haus seiner Eltern in Berkeley/Kalifornien. Nach Informationen von Ernest Bergman verbringt Max Bach seinen Lebensabend inzwischen aber auf Hawaii. (Foto: Archiv Dr. Bayer)

Im Frühsommer 1945 kam Max Bach als US-Soldat das erste Mal wieder nach Laupheim. Er war in Starnberg stationiert und ließ sich extra ein paar Tage Urlaub geben, um nach Laupheim zu fahren. Viele weitere Besuche sollten diesem ersten folgen, und sie haben erst aufgehört, seit er altersbedingt nicht mehr so reisen kann, wie er es gerne möchte.

„Wenn ich nach Laupheim zurückkomme, besuche ich hauptsächlich Leute, die ich gekannt habe: die Halders, die Sillers und jetzt kenne ich auch die Bayers. Und früher waren es noch ein paar andere Angestellte von meinen Eltern, die jetzt verstorben sind.“

Seinen früheren Nachbarn und Freund Herbert Halder fand er in der Backstube, als er ihn bald nach Kriegsende zum ersten Mal wiedersah. Um den vor 12 Jahren ganz plötzlich verschwundenen Besucher bewirten zu können, schob Bäcker Halder extra ein Blech Brezeln in den Ofen und die Halders haben die besten Brezeln der ganzen Stadt gebacken!“ Doch zu trinken konnte er Max Bach leider wenig anbieten. Es sei kaum mehr möglich, irgendwo ein Bier zu kaufen, klagte Herbert Halder seinem Jugendfreund. In der Uniform der Sieger und mit Jeep vor dem Haus war das für diesen gar kein Problem. Kurzentschlossen fuhr er zur Schlossbrauerei hoch und „befreite“ ein Fässchen Bier: Offiziell hat die US- Armee nie beschlagnahmt, sondern immer nur befreit!“ Es war ein denkwürdiges Wiedersehensfest, sicher  das  erste jüdisch-christliche nach  dem Krieg  in Laupheim, das dann mit dem Frei-Bier der Schlossbrauerei in der Backstube gefeiert wurde.

 

 

Quellen:

1.  Aus den Museumsakten:

a) Interview Frau Dr. Benigna Schönhagen mit Herrn Max Bach, geführt in Laupheim am 21. September 1994, 24 Seiten.

b) Kopie eines Auszugs aus dem Gemeinderatsprotokoll,  ohne Nr. und exaktes Datum, April 1934: „§186, Steuerrückstände des Hugo Bach, Kaufmanns hier.“

2.  Aus dem John-Bergmann-Nachlass,  Leo-Baeck-Institut, NY (auf Mikrofilm im Stadtarchiv Laupheim): Stammbaum der Familie Bach.

3.  Annonce aus dem Laupheimer Verkündiger“, Stadtarchiv Laupheim.


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