voriges Kapitel

zurück zur Gesamtauswahl

nächstes Kapitel

Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 127 - 131

BERNHEIM, Leopold,

Kapellenstraße 49, Bronner Straße 21, Radstraße 2

 

KARL NEIDLINGER  / DR . UDO  BAYER

Leopold Bernheim, geb. 27. 9. 1897 in Laupheim, Kaufmann, gest. 1971 in den USA, OO Julie Bernheim, geb. Nördlinger, geb. 12. 7. 1898 in Laupheim, gest. 1977 in USA, Eheschließung am 26. 6. 1927 Wohnung: Kapellenstr. 49.
 Fritz (Fred Ludwig), geb. 5. 8. 1929 in Laupheim, gest. 08.01.2013 
 Luise, geb. 20.12. 1932 in Laupheim.
Großvater:  Joseph „Jossele“ Bernheim, Bronner Straße 21, geb. 22. 9. 1861 in Laupheim, Viehhändler, gest. 31. 8. 1942 im KZ Theresienstadt.
Lediger Cousin von Leopold: Theodor Bernheim, geb. 23. 3. 1884 in Laupheim, Kaufmann, wohnhaft Radstraße 2. Wegzug nach Stuttgart am 14.6.1940. Für tot erklärt 1951.
Emigration der Familie am 25. 10. 1939 nach Chicago, USA.

 

Ein Abraham Bernheim zog Mitte des 18. Jahrhunderts aus dem benachbarten Buchau nach Laupheim und begründete die weitverzweigte Familie. Das Friedhofbuch zählt 24 in Laupheim bestattete Träger des Namens Bernheim auf. Im Jahr 1933 lebten noch die oben aufgelisteten sechs Familienmitglieder in der Stadt, allerdings an drei verschiedenen Wohnplätzen.

Joseph Jossele“ Bernheim, oben als Großvater aufgeführt, heiratete im Jahr 1891 in Nördlingen Fanny Herbst aus Schopfloch und erbaute oder kaufte dann das Anwesen Bronner Straße 14, („Haus Theresia“, Bronner Straße 21), damals das letzte Haus stadtauswärts Richtung Bronnen.

Von hier aus betrieb er einen florierenden Viehhandel und hier wohnte auch seine vierköpfige Familie. 1927 heiratete Sohn Leopold Julie Nördlinger aus der Kapellenstraße 49, wo das Paar eine Wohnung bezog.

 

Anzeige aus d. Laupheimer Verkündiger“

Selma Bernheim (auf einem Klassenfoto, Mitte), eines der ersten Mädchen,

das die Laupheimer Latein-  und Realschule  besuchen durfte.

Foto aus dem Jahr 1909 (Aus: Braun, Alt-Laupheimer Bilderbogen, S. 191)

Schon vorher hatte sich die Tochter Selma nach Offenburg verheiratet. Leopold Bernheim betrieb vermutlich das Geschäft seines Vaters in der Bronner Straße weiter. Jossele Bernheim zog nach dem Tod seiner Frau 1928 aber nach Stuttgart und kehrte erst 1940 wieder zurück, wohl nicht freiwillig. Wo er dann einquartiert war, im Rabbinat, in der Wendelinsgrube oder anderswo, ist unklar.

Leopold und sein Cousin Theodor, über den ansonsten fast nichts bekannt ist, dienten im Ersten Weltkrieg als Soldat und erhielten dafür Auszeichnungen. Theodor war von 1916 bis 1918 an der Balkanfront eingesetzt, unter anderem als bulgarischer Dolmetscher, und erhielt die Silberne Verdienstmedaille. Leopold bekam noch im Jahr 1935 das Frontkämpferkreuz verliehen, für seinen von

1916 bis 1918 dauernden Einsatz an der Westfront. Seine Nachkommen vermachten die groteske Nazi-Auszeichnung später dem Laupheimer Museum, wo sie ausgestellt ist. Vier Jahre später konnte der Ordensträger den ihn auszeichnenden Staat im letzten Augenblick noch verlassen, um nicht von demselben umgebracht zu werden.


Fritz Bernheim u. Paul Obernauer, 1937.

(Bilderkammer Museum)

Für eine Schülerarbeitsgruppe  des Carl-Laemmle-Gymnasiums  brachte Fred (Fritz) Bernheim im Jahr 1988 seine Erlebnisse und Erfahrungen zu Papier, die er 1938 als neunjähriger Junge in der Pogromnacht machen musste:

„Es ist unmöglich, euch das Gefühl zu erklären, das über mich kam, als ich sah, wie mein Vater aus seinem Haus geholt wurde, zur Synagoge marschieren und dann zusehen musste, wie diese abbrannte. Auch kann ich nicht mit Worten ausdrücken, was in mir vorging, als mein Vater, mein Onkel Benno Nördlinger und andere zum Bahnhof marschieren mussten, wo sie dann in Viehwagen verladen wurden, die sie ins KZ Dachau brachten . . . Ich erinnere mich auch an die fehlende Unterstützung seitens der Nichtjuden. Könnt ihr euch vorstellen, aus dem Fenster eines Hauses zu sehen und zu beobachten, wie ein anderes menschliches Wesen ins Gesicht geschlagen wird, zu Boden geworfen, in die Rippen getreten und darauf gespuckt wird – und du machst einfach die Fensterläden zu und sagst später: Ich habe das nie gesehen!
Ich habe keinen Wunsch nach Erinnerung. Die einzige Aufgabe für euch ist es, diese Leute, ihre Kinder und Kindeskinder mit diesem Horror erzieherisch zu beeinflussen und sicherzustellen, dass sich dies niemals wiederholt. Laupheim hat für mich nichts im Sinne von Heimat. Ich habe noch ein paar Freunde dort, emotionale Bindungen an mein Geburtshaus, das noch steht, und natürlich an den Friedhof. . . . Alles Gute in meinem Leben ereignete sich in Chicago, alles Schlechte in Laupheim . . .“

Leopold Bernheim und seine Familie konnten 1939 noch rechtzeitig nach New York emigrieren. Dass sie sogar einen kleinen Teil ihres Besitzes mitnehmen konnten und es relativ schnell ging mit den Formalitäten, hängt nach den Erinnerungen Fred Bernheims damit zusammen, dass sein Vater und der Laupheimer NS-Bürgermeister Marxer im Ersten Weltkrieg Kriegskameraden gewesen sind. In den USA wollten sie von New York eigentlich nach San Francisco weiterreisen, doch dann reichte das Geld nur bis Chicago. So ließen sie sich dort nieder und das Architekturbüro Fred Bernheims befindet sich bis heute dort.

Joseph und Theodor Bernheim aber schafften es nicht mehr zu emigrieren. Theodor, der in der Radstraße 3 wohnte und wahrscheinlich bei dem Viehhändler Bernhard Ullmann dort beschäftigt war, zog 1940 nach Stuttgart weg, vermutlich auch nicht freiwillig, wo sich seine Spur verliert. Er wurde vom Amtsgericht Hechingen am 11. 9. 1951 für tot erklärt, als Zeitpunkt des Todes wurde der 31. 12. 1945 festgelegt. Der 80jährige Joseph Bernheim wurde am 19. 8. 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort schon bald nach der Ankunft.

Das berufliche Wirken Fred Bernheims in den USA als Architekt hat ein symbolhaft verstehbares, die Geschichte der Laupheimer jüdischen Gemeinde sinnbildlich widerspiegelndes Bauwerk hervorgebracht. So wie die allermeisten die Shoa überlebenden Gemeindemitglieder in den USA eine neue Heimat fanden, so lebt auch die untergegangene Laupheimer Synagoge in modernen Formen dort weiter. Die zwei Türme waren das ganz besondere Kennzeichen des Laupheimer Gotteshauses, hervorgegangen aus einer engen Anlehnung an das christliche Umfeld und seine Barockkirchen. Zwei Türme in modernen Formen hat Fred Bernheim an der von ihm entworfenen Synagoge von Northbrook bei Chicago angedeutet, in Erinnerung an die Synagoge seiner Kindheit. Anlässlich seines letzten Besuchs in Laupheim im Oktober 2000 erschien der originalgetreu wiedergegebene Bericht mit dem Foto des Sakralbaus in der Laupheimer Südwest Presse.


 

Aus Ernst Schälls Fotoalbum:  Fred Bernheim zu Besuch in Laupheim im Oktober 2000.

Fred und Nelida Bernheim in Ernst Schälls Restaurierungswerkstatt.

voriges Kapitel

zurück zur Gesamtauswahl

nächstes Kapitel