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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten  229 - 241

GUGGENHEIM, Fanny,

Synagogenweg 11

 

KARL NEIDLINGER

Fanny Guggenheim, geb. Obernauer, geb. 21. 6. 1848 in Laupheim, gest. 8.7. 1934 in Laupheim
(Witwe des Schreiners Abraham Guggenheim, 1844–1904). 



  

Fanny Guggenheim vor ihrem 1844 errichteten Haus im Synagogenweg. Frühere Adresse: Judenberg 6

 Der heutige Zustand, zum Vergleich rechts. Das Haus ist vorbildlich renoviert und im Originalzustand.

 

Der Zenit in der Entwicklung der jüdischen Gemeinde Laupheim war 1933 schon lange überschritten. Die Mitgliederzahl ging schon seit Ende des 19. Jahrhunderts beständig zurück, da die jüngere Generation nach Amerika oder in die großen Städte abwanderte. Es gab zahlreiche alleinstehende ältere Männer und noch mehr Frauen: eine davon, im Unterschied zu anderen aber recht gut dokumentiert, ist Fanny Guggenheim, geborene Obernauer.

Fanny Obernauer und der aus Tiengen am Hochrhein stammende Schreiner Abraham Guggenheim heirateten um 1874/75. Zwischen 1876 und 1879 wurden dem Paar drei Kinder geboren: Heinrich (1876), Frieda (1877) und Jonas (1879). Im Jahr 1892 erwarb die Familie das abgebildete Haus, in dem sich vermutlich auch die Schreinerwerkstätte befand. Abraham Guggenheim verstarb 60jährig im Jahr 1904, schon ein Jahr später auch die Tochter Frieda, verh. Kahn, bei der Geburt ihres ersten Kindes. Über den ältesten Sohn Heinrich ist nichts bekannt; Jonas wanderte in jungen Jahren nach Amerika aus.

 

  

(„Laupheimer Verkündiger“, 21. 6. 1928)

Fanny Guggenheim ließ sich von diesen Schicksalsschlägen aber nicht unterkriegen, sondern stellte ihre Tatkaft nun verstärkt in den Dienst der Allgemeinheit. Dies lässt sich unschwer aus dem kleinen Artikel herauslesen, der anlässlich ihres 80. Geburtstages am 21. Juni 1928 im Laupheimer Verkündiger“ erschien. Der Text ist zugleich ein wohltuendes Beispiel, wie problemlos vor 1933 in der Stadt das christlich-jüdische Miteinander noch funktionierte nach der Machtergreifung der Nazis gab es in den Zeitungen nur noch verlogene, das Miteinander vergiftende Hasstiraden auf die Juden zu lesen. Fanny Guggenheim hat vermutlich nie ein Amt oder irgendeine Funktion innegehabt: Sie kümmerte sich um ihre Mitmenschen aus innerem Antrieb und pflegte Kranke ohne Bezahlung und Auftrag.


(„Laupheimer Verkündiger“, 30. 6. 1828)


Dass es über Fanny Guggenheim viel zu schreiben gibt, hat auch mit John H. Bergmann zu tun: Er heiratete 1945 in New York Elsie Guggenheim, Fannys Enkelin! Daher findet sich in seinem Nachlass etwas und Fanny wird auch in der Bergmann-Familienchronik erwähnt. Die folgende Passage, in der er die alljährlichen Vorbereitungen des Funkenfeuers beschreibt (hebr. Chometz“-Feuer am Tag vor Pessach), sind es wert, hier im Wortlaut wiedergegeben zu werden:

 

„Die Vorbereitung begann bald nach Chanukka, indem wir immer wieder von Haus zu Haus gingen, um ausrangiertes Kistenholz und anderes Brennmaterial zu sammeln. Unsere Väter erzählten uns, wie sie manchmal einen Abschnitt eines Zauns oder eines hölzernen Tors ,erwarben’. Um nicht ausgestochen zu werden, mussten wir ihre Heldentaten wiederholen. Der Sammelplatz war Fanny Guggenheims kleiner Schuppen. Ihr Haus lag strategisch gut am Ende des Judenbergs neben dem Friedhof an einer Straße, die direkt zum Bronner Berg führte, wo das Feuer entzündet wurde. Fanny war nicht für ihre Geduld bekannt, und jedes Jahr wurde das Gezänk über zerbrochene Möbel, die wir von ihr entwendet hätten, wiederholt.
Max Bergmann, der sein Leben lang mit ihrem in Pittsburgh, Pennsylvania, lebenden Sohn Jonas befreundet war, hatte zu ihr eine besondere Beziehung. Als sie während des Krieges von der Unterstützung durch ihren Sohn Jonas abgeschnitten war, half er aus.
Eines Tages, beim Holz sammeln für das Chometz-Feuer, rief sie Hans, den Schreiber dieser Zeilen, in ihr Haus und zeigte ihm zwei neu eingetroffene Fotos von ihren in Pittsburgh lebenden Enkelinnen. Fanny sagte ihm voraus, dass er eines Tages nach Amerika auswandern und eine von ihnen heiraten würde. Er war vielleicht zwölf Jahre alt und Heiraten stand damals bestimmt nicht oben in seiner Prioritätenliste – aber zwei Weltkriege später traf er ihre Enkelin Elsie – und heiratete sie!“ (John H. Bergmann, S. 65 f.)

 

Der Laupheimer Verkündiger“ hatte Fanny Guggenheim zu ihrem Achtzigsten „noch viele lebensfrohe Jahre“ gewünscht. Es wurden dann immerhin noch sechs: Hochbetagt starb sie kurz nach ihrem 86. Geburtstag im Juli 1934.

 

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