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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten  277 - 288

HEUMANN, Heinrich,

Bekleidungsfabrik, Mittelstraße 11

 

DR . ANTJE KÖHLERSCHMIDT

Heinrich Heumann, geb. 17. 1. 1851 in Laupheim, gest. 20. 9. 1935 in Laupheim,

O
O Clementine Gretel, geb. Regensteiner, geb. 20. 12. 1859 in Laupheim, Todesdatum und -ort unbekannt.
– [Frida Heumann, geb. 19. 10. 1879 in Laupheim, Ghetto Lodz: vermisst, für tot erklärt zum 31. 12. 1945, OO Alfred Goldfisch, geb. 2. 6. 1874 in Stuttgart, gest. 14. 3. 1942 Ghetto Lodz],
Julius Heumann, geb. 13. 2. 1881 in Laupheim, KZ Auschwitz,
– [Lina Heumann, geb. 8. 10. 1882 Laupheim, gest. 26. 2. 1944 im KZ Theresienstadt, OO Eugen Goldfisch, geb. 25. 8. 1877 in Laupheim, gest. 30. 12. 1942 im KZ Theresienstadt],
Manfred Goldfisch, geb. 19. 1. 1911 in Bad Ems,
[Moritz Heumann, geb. 27. 5. 1886 in Laupheim, gest. 2. 1. 1921 in Laupheim N24/5,
Flora Heumann, geb. 30. 1. 1891 in Laupheim, KZ Auschwitz,
[Emmy Heumann, geb. 14. 4. 1900 in Laupheim,OO Lucien Heurendinger].

 

 

Im Laupheimer Schützenmarsch von Wilhelm Preßmar aus dem Jahr 1910 heißt es in Strophe 7:

„Zwei Heumann und der Schwed’ marschieren an der Tet[tete]. Die beiden Löwenthal, die fehl’n auf keinem Fall.
Seit Selmar Ehemann, ist zahm er wie ein Lamm. Sogar der Kronenwirt heut mitmarschiert.“

 

In den 14 Strophen werden der Laupheimer Schützenverein sowie dessen sportliche, gesellige und feuchtfröhliche Aktivitäten besungen. Ganz selbstverständlich erscheint das Miteinander von christlichen und jüdischen Schützen, die in dem Lied liebevoll-spöttisch aufs Korn genommen wurden. Mit den „zwei Heumann“ sind zum einen Julius Heumann und dessen Großcousin Richard Heumann gemeint, die beide auf dem Foto der Schützenmannschaft aus dem Jahr 1907 zu finden sind. Diese so homogen erscheinende Gemeinschaft brach auseinander und am Schicksal eben jener „zwei Heumann aus Laupheim wird der Schrecken der Zeit des Nationalsozialismus besonders deutlich. Julius Heumann und Richard Heumann wurden im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Weitere Angehörige kamen in der Shoa um.

Schützenmannschaft 1907: Untere Reihe, liegend, v. l.: August Eble, Richard Heumann,

August Klaiber, Hans Braun, Gottlob Nast, Max Bergmann.

2. Reihe, sitzend: Anton Eberwein, Oskar Walk, Albert Höchstetter, Paul Gerhardt, Josef Manz, Schützenmädel ??.

3. Reihe, stehend: Anton Bammert, Hans Schmid, Philipp Rechtsteiner, Rupert Rieber, Louis Löwenthal, Selmar Löwenthal, Hans Aldinger, Willy Eßlinger, Friedrich Deibler, Wilhelm Preßmar, Förster Maier, Josef Hermann, Johann Hempfer.

Hintere Reihe, erhöht: Franz Josef Remmele, Jakob Adler, Altschützenwirt Hempfer mit

Enkel, –??–, Adolf Rieser, Kienhöfer, Julius Heumann, Marco Bergmann.

(Braun, Alt-Laupheimer Bilderbogen, Bd. 1, Weißenhorn 1985. S. 30–32)

 

Doch zunächst zurück zur Familiengeschichte. Der Vater von Julius Heumann war Heinrich Heumann, der am 14. Januar 1851 in Laupheim als ältester Sohn von Emanuel und Wilhelmine Heumann, geb. Nathan, das Licht der Welt erblickt hatte. Am 27. Oktober 1878 heiratete Heinrich Heumann die ebenfalls in Laupheim gebürtige neunzehnjährige Clementine Gretel Regensteiner, mit der er sechs Kinder bekam.

Von fünf der sechs Kinder war aufgrund der Quellenlage wenig in Erfahrung zu bringen. So wurde die älteste Tochter Frida am 19. Oktober 1882 in Laupheim geboren. Sie heiratete hier am 6. November 1905 den Kaufmann Alfred Goldfisch aus Wiesbaden und verließ mit ihrem Mann ihre Heimatstadt. Sie lebten bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges in Köln. Die vier Jahre jüngere Schwester Lina Heumann, geboren am 8. Oktober 1882 in Laupheim, heiratete den Bruder von Alfred Goldfisch am 9. Mai 1910 in Laupheim. Heute erscheint eine solche Hochzeit der Geschwister eher ungewöhnlich, war dies jedoch in vielen jüdischen Familien durchaus häufiger der Fall. Waren doch potentielle Heiratskandidaten in der eigenen jüdischen Gemeinde, die am Anfang des 20. Jahrhunderts immer kleiner wurde, nicht so zahlreich und somit Familienfeiern wie die Hochzeit der Schwester willkommene Gelegenheiten inner- halb der Glaubensgemeinschaft Partner kennenzulernen. Lina ging mit ihrem Mann, dem Hotelier Eugen Goldfisch, ebenfalls von Laupheim weg, wohl zunächst nach Bad Ems, wo ihr Sohn Manfred am 19. Januar 1911 geboren wurde. Später führte ihr Weg sie auch nach Köln, wo sie bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten.

Die Jüngste, Emmy Heumann, geboren am 14. April 1900, verließ wie ihre beiden Schwestern nach ihrer Heirat mit dem Kaufmann Lucien Heurendinger am 17. Januar 1923 Laupheim. Damit verliert sich jede Spur von dem Paar. Als einzige Tochter der Familie blieb Flora Heumann, geboren am 30. Januar 1891 in Laupheim, am Ort. Sie blieb ledig und arbeitete als Buchhalterin. Näheres war darüber nicht zu ermitteln.

Der jüngste Sohn der Familie hieß Moritz Heumann, geboren am 27. Mai 1886 in Laupheim. Er hatte die hiesige Realschule besucht, wurde Kaufmann und Konfektionsverfertiger, vermutlich in der elterlichen Kleiderfabrik. Als Junggeselle starb er bereits im Alter von 34 Jahren am 2. Januar 1921 in Laupheim und wurde auf dem jüdischen Friedhof, Grab N 24/5, begraben.

Der älteste Sohn Julius Heumann, geboren am 13. Februar 1881 in Laupheim, hinterließ die umfangreichsten Spuren, die später dargestellt werden.

 

Die Kleiderfabrik E. Heumann

Die wirtschaftliche Grundlage dieses in Laupheim lebenden Heumannschen Familienzweiges war die 1845 von Emanuel Heumann gegründete Kleiderfabrik in der Mittelstraße 11. Dessen ältester Sohn Samuel Heumann hatte ein eigenes Geschäft, nämlich das Schuhhaus Heumann, gegründet, so dass sein jüngerer Bruder Heinrich Heumann in das väterliche Geschäft eintrat und es schließlich übernahm. Diese Tradition setzte dann der Enkel des Geschäftsgründers, Julius Heumann, fort, der ab 1933 als Gesellschafter fungierte.

Zu der Kleiderfabrik gehörte ein Ladengeschäft in der Mittelstraße 11, das Fabrikgebäude befand sich auf dem dahinter liegenden Grundstück. Zu der Produktpalette gehörten Maßanzüge, Hosen, Blusen und Hemden, im Geschäft aber auch Stoffe für eben diese Waren. Im Hintergrund des ca. 1930 entstandenen Fotos (nächste Seite) sind im rechten Schaufenster Stoffe dekoriert, im linken präsentiert eine Puppe Kleidung. Vor dem Haus steht neben drei posierenden Kindern der Juniorchef Julius Heumann. Ein Fenster ist geöffnet und eine Frau mit dunkleren Haaren lehnt sich hinaus. Dem Alter nach könnte dies seine Schwester Flora Heumann sein.

 

Die Kleiderfabrik hatte sich scheinbar über die Generationen erfolgreich entwikkelt. So boten die Besitzer ihren Beschäftigten langfristige Arbeitsplätze und ein geregeltes Auskommen. Exemplarisch lässt sich das am Werdegang des Schützenbruders von Julius Heumann, Anton Eberwein, der ebenfalls auf dem Foto der Schützenmannschaft aus dem Jahr 1907 abgebildet ist, belegen. Dieser war nach seiner Verheiratung in die jüdische Kleiderfabrik Emanuel Heumann eingetreten, wo er den Posten eines Zuschneiders übernommen hatte und insgesamt 26 Jahre tätig war, bevor er sich selbständig machte und 1912 eine Wohnhaus in der König-Wilhelm-Straße im Jugendstil errichten ließ.

Die Firma Heumann bildete ihre Angestellten und Arbeiter darüber hinaus selbst aus, wie die Anzeige vom 11. Januar 1929 verdeutlicht. Im Jahr 1938 waren immerhin knapp 100 Personen in der Kleiderfabrik beschäftigt. Neben drei Angestellten zählten 54 Arbeiterinnen und Arbeiter im Geschäft und 36 in der Heimarbeit zu den Beschäftigten der Firma.

Immer wieder tauchten in den Anzeigen im Laupheimer Verkündiger zur Zeit der Inflation Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jh. Spenden der Firma E. Heumann auf, so z. B. 1923 in Form von „Naturalien“, einer Partie Knabenhosen, für die Kinderspeisung. Sie waren Teil des Engagements von Christen und Juden für die Notleidenden der Krisenjahre in der Weimarer Republik auch in Laupheim. Aber auch am Schicksal der eigenen, zumeist christlichen Arbeiterinnen nahmen die jüdischen Arbeitgeber Heumann Anteil. Gemeinsam mit den Arbeitnehmern veröffentlichten sie zwei Annoncen am 18. September 1924 im Laupheimer Verkündiger“ zum Tod einer Arbeiterin. Diese Anzeigen besaßen in jener Zeit große Seltenheit, wie die Recherchen in den diversen Jahrgängen der Zeitung erwies.

 

Das Fest der Goldenen Hochzeit der Eheleute Heinrich und Clementine Heumann wurde in der Laupheimer Presse außergewöhnlich ausführlich reflektiert. Dies ist mutmaßlich im Zusammenhang mit der exponierten Position von Heinrich Heumann als Fabrikbesitzer und bedeutsamen Arbeitgeber zu sehen.


Laupheimer Verkündiger“ vom 26. Oktober 1928

Goldene Hochzeit. Im ehrwürdigen Alter von 77 Jahren bzw. 69 Jahren dürfen die Eheleute Heinrich Heumann und Clementine, geb. Regensteiner, am kommenden Sonntag das seltene Fest der goldenen Hochzeit in erfreulicher körperlicher und geistiger Gesundheit und Frische begehen. Herr Heumann ist heute noch in seiner Kleiderfabrik täglich beruflich tätig und nimmt bei den Wohlfahrtsvereinigungen seiner Religionsgemeinschaft eine führende ehrenamtliche Stellung ein, während seine Gattin ihre Liebestätigkeit mehr in aller Stille entfaltet. Bei der allgemeinen Achtung und Verehrung, die die ganze Familie in weitesten Kreisen genießt, begegnet dieses Jubelfest von allen Seiten herzlichster Sympathie. Auch wir wünschen dem verehrten Jubelpaare Gottes reichsten Segen und einen noch recht langen und glücklichen Lebensabend.“
 

Laupheimer Verkündiger“ vom 8. November 1928

„Jubelfeier. Anläßlich der Feier des goldenen Ehejubiläums von Kleiderfabri- kant Heinr. Heumann hier veranstaltete die Firma für ihre Arbeiter und Angestellten im Bahnhofshotel ein Festessen. Bei dieser Gelegenheit war es eine Freude, beobachten zu können, welch schönes Verhältnis hier zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern besteht; es ist hier tatsächlich, wie der Juniorchef (Julius Heumann d. V.) sich in einer kleinen Ansprache äußerte, ein familiäres Band, das alle umschlingt. Noch lange werden die Teilnehmer dankbar des harmonisch verlaufenden Abends gedenken.“ (Stadtarchiv Laupheim)
 

Das Jahr 1928 wurde auch in anderer Hinsicht ein Festjahr. Aus Anlass des 180- jährigen Bestehens der israelitischen Bruderschaft Chewra Kadischa, dem jüdischen Verein zur Armenunterstützung, Krankenpflege und Leichenbestattung, wurde neben Rabbiner Dr. Treitel für seine Tätigkeit als Vorstand zum Ehren- vorstand Heinrich Heumann für seine 32jährige Tätigkeit als Kassierer sowie stellvertretender Vorstand zum Ehrenmitglied ernannt. Der so Geehrte starb im Alter von 84 Jahren am 20. September 1935 in Laupheim und wurde auf dem jüdischen Friedhof (N 28/2) begraben.

 

Julius Heumann

Über seine ersten vierunddreißig Lebensjahre ist kaum etwas bekannt. Als gesichert anzusehen ist jedoch, dass er nach seiner schulischen Laufbahn in die väterliche Firma eintrat und dort stetig mehr Verantwortung übernahm, um diese als Juniorchef später selbständig führen zu können. Doch bevor es dazu kam, rückte Julius Heumann am 23. März 1915 als Landsturmmann in das Reserve-Infanterieregiment 247 in Ulm an der Donau ein. Er selbst hat seinen Einsatz im 1. Weltkrieg recht akribisch in dem von Jonas Weil initiierten Verzeichnis von Kriegsteilnehmern der israelischen Gemeinde Laupheim dokumentiert. So war er während des gesamten Kriegsverlaufes an der Westfront eingesetzt. Von November 1915 bis Februar 1916 befand er sich im Stellungskampf vor Ypern, wofür er die Ypern-Medaille vom Regiment 247 erhalten hatte. In diesem Stellungskampf erlebte er am 19. Dezember 1915 einen Gasangriff. Es folgten zum Teil mehrfache Kampfeinsätze im französischen Flandern, in den Vogesen, aber auch in den berüchtigten Materialschlachten des 1. Weltkrieges um Verdun sowie an der Somme. Von April 1917 bis September 1918 war Julius Heumann als Fernsprecher eingesetzt. Sein letzter Eintrag bezieht sich auf die letzten Kriegstage vom 9. bis 11. November 1918, wo er die Maas-Offensive der Amerikaner bei Stenay und mit dem Regiment 124 den Rückmarsch bis vor Hanau in Hessen erlebte. Schließlich wurde er am 9. Dezember 1918 entlassen. Für seine Verdienste hatte er das Eiserne Kreuz II. Klasse und die Württembergische Silberne Verdienstmedaille erhalten.

Die Kriegserlebnisse dürften Julius Heumann maßgeblich geprägt haben. So engagierte er sich sehr aktiv in der Nachkriegszeit in der entstehenden Erinnerungskultur um den 1. Weltkrieg, indem er den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in Laupheim mitbegründete, dessen langjähriger Vorsitzender er war. In dieser Funktion nahm er im November jeden Jahres am sogenannten Gedenktag für unsere gefallenen Helden 1914/18“ teil. Im November 1933 war eine gemeinsame Feier auf Anweisung der NSDAP-Gauleitung nicht mehr gewollt.

 

Laupheim, 3. Nov.

Die Taten und das Andenken gefallener Helden zu ehren, war allen Völkern von jeher heiligste Pflicht. So fand auch gestern auf den hiesigen Friedhöfen die jährliche Gedächtnisfeier für die Gefallenen des Weltkrieges 1914/18 statt, an der die gesamte Einwohnerschaft sich beteiligte. Die Gedächtnisrede hielt auf dem kath. Friedhof hochw. Herr Stadtpfarrer Storz, auf dem jüdischen Friedhof Herr Vorsänger Kahn. Ferner sprachen der Vorstand des Krieger- und Veteranenvereins, Herr Gerichtsvollzieher Schwarz, sowie des Namens der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen Herr Herzog z. Schwanen und für den Bund jüdischer Frontsoldaten Herr Julius Heumann, von denen an den Denkmälern Kränze niedergelegt wurden. Die schlichte eindrucksvolle Feier war umrahmt von passenden Vorträgen der städt. Musikkapelle, der Gesangvereine Cäcilia, Concordia und des Gesangsvereins Frohsinn.“

(Stadtarchiv Laupheim: Laupheimer Verkündiger“, 5. November 1923)

Diese Aussagen illustrieren doch eindrucksvoll das Miteinander von Christen und Juden in Laupheim, was sich gerade auch an den Aktivitäten von Julius Heumann in seiner Heimatstadt widerspiegelte.

So war er wohl ein ausgesprochen begeisterter Sänger, der auch solo auf zahlreichen, zum Teil sehr unterschiedlichen Veranstaltungen öffentlich auftrat. Die Recherchen in den Jahrgängen des Laupheimer Verkündigers aus den zwanziger Jahren brachten seine namentliche Nennung hervor: So wurde in der Berichterstattung über die Frühjahrsfeier des Fußballvereins Olympia Laupheim am 12. Mai 1924

(„Laupheimer Verkündiger“, 2. 11. 1923)

Folgendes erwähnt: Als besonders beachtenswert sind die Liedervorträge von Herrn Julius Heumann, begleitet auf dem Klavier von Ella Baumann, hervorzuheben.“ Eine Meldung vom 8. Juli 1924 beschreibt einen „Bunter Abend“, durchgeführt vom Verein für Säuglingspflege und Säuglingsfürsorge Laupheim. Er beinhaltete u.v.a. ein Solo „Die erste Liebe“, das Julius Heumann vortrug. Eine eben solche Gesangsdarbietung wurde für die Einladung zum Stenografentag am 28. September 1928 des Stenografenverein Gabelsber- ger“ Laupheim angekündigt. Am 16. November 1928 trug Julius Heumann neben Hermann Einstein zur 180-Jahr-Feier des Chewra Kadischa Lieder vor.

Julius Heumann war darüber hinaus in einer Vielzahl von Vereinen in Laupheim aktiv, auch in denen überkonfessioneller Ausrichtung. Neben der bereits erwähnten Mitgliedschaft in der Schützenmannschaft Laupheim war er Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr Laupheim und übte ab 1919 dort das Amt des Schriftführers aus.

Scheinbar selbstverständlich engagierte er sich neben dem Vorsitz im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Laupheim, im Chevra Kadischa, wo er offensichtlich seinem Vater Heinrich Heumann in der Funktion als Kassierer gefolgt war. Außerdem gibt es für die 30er Jahre des 20. Jh. Belege für seine Mitgliedschaft in der Bruderschaft Talmud Thora, dem Central-Verein der Juden in Deutschland und dem Jüdischen Kulturbund. An der Person Julius Heumann wird ganz deutlich, wie stark die Laupheimer Juden in ihrer Heimatstadt verwurzelt waren.

Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jh. war Julius Heumann wohl auch einer Frau begegnet, die seine Gefühle berührte. Es handelte sich um die Witwe Ganser, einer Christin. Mit der intimen Beziehung, die 1924 in einer Verlobung mündete, wurde erstmals für Laupheim ein Verhältnis zwischen einem Vertreter der jüdischen Gemeinde und der christlichen Mehrheit offenkundig gemacht. Julius Heumann hatte seiner Braut die für die damalige Zeit beträchtliche Summe von 10 000 Reichsmark geschenkt, die sie wieder in den Textilbetrieb ihres Freundes in der Zeit der Weltwirtschaftskrise darlehensleise investierte. 1946 stellte die ehemalige Verlobte von Julius Heumann einen Antrag auf Wiedergutmachung, da ihr bei der Arisierung des Betriebes die Auszahlung ihres Kapitals mit Hinweis auf ihren Verstoß gegen das Rassegesetz verweigert worden war. Das Landesamt für Wiedergutmachung in Tübingen verschob eine Entscheidung über ihren Antrag, bis eine gültige Toderklärung von Julius Heumann vorliege. Diese hat die Witwe Ganser, die in den fünziger Jahren des 20. Jh. starb, wohl nicht mehr erlebt.

Keine einzige Ehe zwischen Juden und Christen ist nach dem derzeitigen Forschungsstand für die gesamte Zeit der über 200jährigen Koexistenz zwischen Juden und Christen direkt in Laupheim nachweisbar. So unterblieb wohl auch eine Eheschließung zwischen Julius Heumann und der Witwe Ganser aus Rücksicht auf die strenggläubigen jüdischen Eltern von Julius Heumann und auf das streng katholische Elternhaus der Witwe. Dennoch erloschen die Gefühle der beiden nicht füreinander, was nach dem Jahr 1935 für Julius Heumann prekär wurde.

 

Rassenschandeprozess gegen Julius Heumann

Am 15. September 1935 hatte der Reichstag in Nürnberg das „Reichsbürgergesetz“ und das Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ beschlossen. Damit wurden den deutschen Juden nicht nur ihre Bürgerrechte abgesprochen, sondern auch intime Beziehungen zwischen Juden und sogenannten Ariern unter Strafe gestellt.

Die „Nationale Rundschau“ meldete im November 1936, dass in Laupheim spezielle Kriminalbeamte wegen des Verhältnisses eines hiesigen Juden zu einer Auch-Arierin von hier“ ermittelten. „Er gestand seine Beziehung auch nach dem Erlaß der Nürnberger Gesetze ein und wurde wegen der Rassenschande in das hiesige Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert.“ Es handelte sich hierbei um Julius Heumann. Ihm wurde Anfang 1937 vor der Strafkammer des Landgerichts Ulm der Prozess gemacht, der am 11. Februar 1937 mit seiner Verurteilung zu einem Jahr und drei Monaten endete.

Der propagandistische Zeitungsartikel „Zum Schutz von Blut und Ehre. Der Jude Heumann erhält 1 Jahr und 3 Monate Gefängnis ist in mehrfacher Hinsicht von besonderem Interesse.

Der Artikel und die Strafakten lassen eine eindeutige Haltung der Witwe Ganser deutlich werden, die in ihren Äußerungen und ihrem Auftreten öffentlich die Verantwortung für die intime Beziehung übernahm. Damit hatte sie sehr wahrscheinlich bewusst versucht, Julius Heumann zu schützen. Das ist ihr auch insofern gelungen, dass Julius Heumann zu Gefängnis und nicht wie in der Presse zuvor angekündigt zu Zuchthaushaft verurteilt wurde.

Im Strafgefängnis Rottenburg hatte der Verurteilte Julius Heumann die Strafe abzusitzen. Dort reichte er am 12. Dezember 1937 ein Gnadengesuch ein, das er wie folgt begründete: „Seitherige Straflosigkeit. Frontkämpfer, Verdienst sowohl als Staatsbürger als auch Betriebsführer in sozialer Hinsicht. Sorge um die Erringung neuer Existenz“.

 

Das Strafgefängnis Rottenburg beurteilte Julius Heumann:

H. zeichnet sich von Anfang an, nicht nur im Vergleich mit seinen Rassegenossen, sondern ganz allgemein, durch Arbeitswilligkeit und eine tadellose Führung aus. Er war sich von Anfang an bewußt, das Grundgesetz des deutschen Volkes übertreten zu haben; aus diesem Schuldbewußtsein heraus trug er seine Strafe vom ersten Tag an und ordnete sich dem Strafvollzug von innen her unter. Es kann mit Sicherheit angenommen werden, daß sich H. in Zukunft nicht das Geringste mehr zuschulden kommen lassen wird. Im Blick auf diesen Tatbestand und im Blick auf die in den Urteilsgründen hervorgeho- benen Umstände befürworte ich dieses Gesuch hinsichtlich einer bedingten Strafaussetzung der letzten 2 Monate bei 3jähriger Bewährung.“

(Staatsarchiv Ludwigsburg E 352, 1442 - Akte LG Ulm KLs 9/37)

Dem Gnadengesuch hatte sich sowohl die Strafkammer Ulm doch nur für den Umfang von einem Monat als auch der Oberstaatsanwalt Heß angeschlossen. Das Reichsministerium Justiz in Berlin lehnte das Gnadengesuch von Julius Heumann am 4. Januar 1938 ab. Demnach muss Julius Heumann unter An- rechnung der Untersuchungshaft seit November 1936 bis ca. Ende Februar 1938 inhaftiert gewesen sein.

Die sogenannte Arisierung der Kleiderfabrik Heumann erfolgte still und leise. Laut Veröffentlichung des Amtsgerichtes Laupheim in der „Nationalen Rundschau“ vom 15. Juli 1936 war Gottfried Rösch, Kaufmann aus Geislingen/Steige, in die offene Handelsgesellschaft Firma E. Heumann Nachfahren eingetreten. Doch Material aus dem Stadtarchiv Laupheim zufolge hatte auch Herr Hans Miller seine Hände dabei im Spiel. Rösch und Miller erwarben unter Vorteilsnahme diverse Grundstücke, Häuser und Firmen in Laupheim, was nach dem Krieg in Prozessen zur Restitution führte. Sie machten sich laut den Recherchen John Bergmanns die Notsituation der jüdischen Eigentümer, so auch die von Julius Heumann, zunutze, der zur Zeit seiner Inhaftierung in Ulm im Dezember 1936 aus der väterlichen Firma als Gesellschafter austreten musste und zum Verkauf der Kleiderfabrik genötigt war. Gleiches galt für den Käufer des Nachbargrundstücks.

Der Prozess gegen Julius Heumann hatte seinen Familienangehörigen wohl deutlich vor Augen geführt, dass ein Verbleiben in Deutschland lebensgefährlich sein würde. So traten am 26. April 1937 seine Mutter Clementine gemeinsam mit sei- ner Schwester Flora die Flucht aus ihrer Heimatstadt Laupheim nach Mondorf in Luxemburg an. Über das eigentliche Ziel und schließlich den Verbleib von der damals bereits 78jährigen Clementine Heumann war seit diesem Zeitpunkt nichts mehr zu ermitteln. Es liegt die Vermutung nahe, dass sie den Strapazen der Flucht nicht lange gewachsen gewesen sein dürfte und verstorben ist.

Flora Heumann gelangte nach Frankreich, wohin auch ihr Bruder Julius Heumann nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis über Umwege gelangte. In einem Antrag auf eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung vom Mai 1939 wurde als sein derzeitiger Wohnsitz Köln, Cäcilienstraße 18/22, angegeben. Möglicherweise hielt er sich bei seinen beiden älteren Schwestern auf, die mit den Brüdern Goldfisch verheiratet waren. Die näheren Umstände sind unbekannt, jedoch nicht das Schicksal der Geschwister.

Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges und dem Angriff deutscher Truppen auf die Beneluxstaaten sowie dem Einfall in Nordfrankreich gerieten Hunderttausende deutsche und westeuropäische Juden in tödliche Gefahr. Wurden doch von den deutschen Nationalsozialisten auch in den besetzten Gebieten systematisch Konzentrationslager errichtet, in denen die Juden vor ihrer Deportation in die östlichen Vernichtungslager konzentriert wurden. Ein solches Durchgangslager war in Drancy in Paris, in das nachweislich die Geschwister Flora und Julius Heumann inhaftiert worden waren. Bis zur endgültigen Deportation der internierten Juden wurde die perfide Vernichtungsmaschinerie im Konzentrationslager Auschwitz entwickelt, indem im Sommer 1942 dieses Lager vergrößert und Gaskammern errichtet wurden, so dass dann Juden aus ganz Europa zu ihrer direkten Ermordung oder Vernichtung durch Zwangsarbeit dorthin gebracht werden konnten. Julius Heumann wurde mit dem 17. Transport am 10. August 1942 von Drancy ins KZ Auschwitz deportiert, seine Schwester Flora folgte mit dem 32. Transport am 14. September 1942, wo beide ermordet wurden.

Auch die älteren Geschwister der beiden wurden Opfer der Shoa, so die Schwe- ster Frida und ihr Mann Alfred Goldfisch. Den Angaben The Central Database of Shoa Victims' Names Yad Vashem zufolge wurden sie aus ihrem damaligen Wohnort Köln ins Ghetto Lodz nach Polen deportiert, wo Alfred Goldfisch am 14. März 1942 ums Leben kam, während seine Frau Frida Ende des 2. Weltkrieges als vermisst galt und den Eintragungen in der Heiratsurkunde, Standesamt Laupheim, 1957 vom Amtsgericht Köln zum 31. 12. 1945 für tot erklärt wurde.

Das Schicksal der jüngeren Schwester Lina und ihres Mannes Eugen Goldfisch ist im Theresienstädter Gedenkbuch, das die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942 bis 1945 systematisch auflistet, dokumentiert. Demnach wurden beide aus Köln mit dem Transport III/2 am 28. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Eugen Goldfisch starb bereits wenige Monate nach ihrer Ankunft am 30. Dezember 1942, während seine Frau Lina am 26. Februar 1944 dort umkam. Die letzte Spur ihres Sohnes Manfred Goldfisch, der Kaufmann war und 1933/34 kurzzeitig in Laupheim bei seinen Verwandten in der nun in Adolf-Hitler-Straße umbenannten Mittelstraße gewohnt hatte, weist auf seinen Wegzug am 18. Mai 1934 nach Königsberg in Ostpreußen.

 

 

Quellen- und Bildnachweis:

Braun, Josef: Alt-Laupheimer Bilderbogen. Bd. 1 u. 2. Weißenhorn 1985 u. 1988.

Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933–1945, Bundesarchiv Koblenz 1986.

Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs, Stuttgart, 1. 9. 1928. Gugenhan, Gerd: Ulmer Justiz 1933–45. 1998. S.14–28.

Hüttenmeiser, Nathanja: Der Jüdische Friedhof Laupheim. Laupheim 1998.

Klarsfeld, Beate et Serge: Le Memorial de la deportation des juifs de france, Paris 1978. Kreisarchiv Biberach F 6104 1.

Standesamt Laupheim. Familienregister Band V. Theresienstädter Gedenkbuch. Prag u. Berlin 2000.

Weil, Jonas: Verzeichnis von Kriegsteilnehmern der israelitischen Gemeinde Laupheim. Laupheim 1919. www.yadvashem.org.

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