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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten  300 - 306

HÖCHSTETTER, Albert und Hugo,

Bekleidungsgeschäft, Kapellenstraße 12 (heute Bronner- Straße 1)

 

HANS - GEORG EDELMANN KARL NEIDLINGER

Albert Höchstetter, geb. 18. 12. 1856 in Buttenhausen. Schneidermeister, Textil- und Antiquitätenhändler, gest. 11. 3. 1935 in Laupheim. (Witwer von Amalie Höchstetter, geb. Einstein, geb. 31. 3. 1862 Laupheim, gest. 29. 7.1921 Laupheim).
Hugo Höchstetter, geb. 9. 7. 1887 in Laupheim, Kaufmann, seit 1922 verheiratet mit Kathi Kaufmann, geb. 31. 3. 1901 in Luzern.
Herbert Höchstetter, geb. 31. 3. 1923 in Ulm.
Wegzug der Familie um das Jahr 1925 nach Ulm, später wieder zeitweise in Laupheim.
Emigration von Hugo Höchstetter 1937 nach Rhodesien (heute Simbabwe). 

 

Der Höchstetter ist der Best, geht auf alle Schützenfest. Poussieren tut der Schankel viel, daher trifft selten er das Ziel.
(Aus: W. Preßmar, Laupheimer Schützenmarsch, 1910)

Albert Höchstetter als Mitglied der Laupheimer Schützenmannschaft 1907.

(Bilderkammer Museum)


Hugo Höchstetter (Mitte) als Zweitklässler der israelitischen Volksschule, 1895.

(Leo-Baeck- Inst. NY)


Vater und Sohn Höchstetter aus zwei verschiedenen Gruppenfotos: Die Ähnlichkeit der beiden ist offensichtlich und zeigt, dass die Namenszuordnungen hier wohl stimmen, was sonst nicht immer ganz sicher ist. Die Charakterisierung Albert Höchstetters im Laupheimer Schützenmarsch, sein Foto und auch andere Quellen passen ebenso gut zusammen und ergeben ein plastisches Bild seiner Person, sie zeigen ein lebenslustiges, humorvolles Laupheimer Original. Das Ladengeschäft Albert Höchstetters an der Ecke Kapellenstraße/Bronner Straße muss ebenfalls, wie sein Besitzer, eine Besonderheit in Laupheim gewesen sein.

Als „in seiner Art einzig bestehendes Spezialgeschäft auf dem Continent“ wird es im Purim-Heft des Laupheimer Gesangvereins Frohsinn“ von 1912 mit einem ironischen Superlativ versehen. Zu Purim, der jüdischen Fasnet, haben sich im John- H .-Bergmann- Nachlass zwei das Gemeindegeschehen satirisch kommentierende Programmhefte  erhalten. Aus einem dieser beiden originellen Hefte stammt die nebenstehende Annonce unter dem Titel „Laupheimer Hosenladen und Antiquariat“.


 

Schneiderei Höchstetter: „Laupheimer Kleider-Magazin

Albert Höchstetter heiratete wie einige andere seiner Dorfgenossen aus Buttenhausen im Lautertal (auf der Schwäbischen Alb in der Nähe von Münsingen) nach Laupheim ein. Bei ihm wurde seine Herkunft aber im Übernamen verewigt: Er war zeitlebens der „Buttenhauser“, was vielleicht auf seine ländliche Art und sein etwas archaisches Geschäftsgebaren verwies. Er hatte mit einer Schneiderwerkstätte in der Kapellenstraße 12 begonnen, doch allmählich wurde daraus ein „Kleider-Magazin“, wie er es nannte: „Secondhand-Shop“ würde man heute dazu wohl sagen. Er handelte mit neuer wie mit gebrauchter Kleidung, aber auch mit allen möglichen anderen gebrauchten Gegenständen: Schränke, Truhen, Schreibmaschinen, Musikautomaten, Motorräder, wie die Purim-Anzeige humorvoll auflistet. Bei ihm galt der Grundsatz: „Sie brauchen kein Geld alles im Tauschweg.“ Doch hatte er keineswegs das große Lager, mit dem er sich in seiner eigenen Anzeige brüstete, sondern es muss ziemlich eng gewesen sein in seinem Laden. Kurzum: Auch für die damalige Zeit war es doch schon ein sehr originelles Geschäft.


Das Eckhaus hinter dem abbiegenden Pkw war das Laupheimer Kleider-Magazin des Albert Höchstetter. Heute ist die Ecke Kapellenstraße/Bronner Straße komplett neu bebaut. Foto aus den 1980er Jahren. (Foto: Archiv Theo Miller)
 

Als der Vater Ernst Schälls, der 1887 geborene Paul Schäll, seine Schneiderlehre beendet hatte und nach einer Anstellung als Schneidergeselle suchte, wurde er bei Albert Höchstetter fündig. Dieser stellte Paul Schäll um das Jahr 1905 ein. Ihm ist es also zu verdanken, dass Paul Schäll in Laupheim blieb, hier eine Familie gründete und sein Sohn Ernst sich später um das Erbe der Laupheimer jüdischen Gemeinde verdient machen konnte!

Eine Rarität stellt die abgebildete Rechnung dar, die Albert Höchstetter am 18. 12. 1887 ausstellte. Sie ging an „Herrn Karl Lämle, z. Z. Amerika, von hier“ und wurde am 29. 12. durch Herrn Wolf Stern bezahlt. Nach dieser Rechnung muss der 1884 nach Amerika ausgewanderte Carl Laemmle im Sommer 1886 wieder für rund zwei Wochen in Laupheim gewesen sein, denn Albert Höchstetter hatte ihm am 29. August dieses Jahres einen maßgeschneiderten Anzug für 46 Mark geliefert. Dazu kamen noch ein paar Reparaturarbeiten (An 2 paar Hosen ändern 1,40 Mark, 1 Überzieher neue Knöpf und ausbessern 0,80 Mark“ . . .), welche, wie es damals bei Handwerkerrechnungen üblich war, zum Jahresende erst in Rechnung gestellt und durch einen Beauftragten Carl Laemmles bezahlt wurden. In diesem Fall erfolgte die Abrechnung allerdings erst mit einem Jahr Verspätung.


J. Braun, Alt-Laupheimer Bilderbogen, Bd. 2, S. 138)

 

Schützenverein Laupheim 1864 e.V.

In seiner Freizeit betätigte sich Albert Höchstetter schon seit den Jugendjahren aktiv im Schützenverein Laupheim. Diesem Hobby blieb er sein ganzes Leben treu, wie die Schießbücher des 1864 gegründeten Vereins heute noch belegen. Einmal wurde Albert Höchstetter sogar württembergischer Meister, wohl in jüngeren Jahren, und noch als 75jähriger erreichte er im Jahr 1931 beim Schießen auf die Ehrenscheibe den 12. Preis. So ist es auch kein Wunder, dass er auf dem Foto von 1907 einen zentralen Platz im Kreise der aktiven Schützen einnimmt.

Im Schützenverein kamen damals Männer aller Konfessionen zum sportlichen Wettkampf und zur Geselligkeit zusammen. Dazu bot sich die Wirtsstube des Gasthauses „Schützen in der Langen Gasse an, hinter dem sich die Schießanlage befand. Der Schießsport und der Schützenverein genossen vor dem Ersten Weltkrieg hohes Ansehen und wer Rang und Namen hatte, war im Schützenverein. Von den insgesamt 32 aktiven Schützen, die sich 1907 vor der Schießhütte zum Gruppenfoto aufstellten, waren mehr als ein Viertel, neun Personen, jüdischer Konfession. Damit war der Schützenverein sicher einer der Orte, an denen christlich-jüdisches Miteinander in besonders guter Weise gelang.

 

Freundschaftliches christlich- jüdisches Miteinander im Schützenverein anno 1907: Unten rechts lehnt sich Max Bergmann vertrauensvoll an Zahnarzt Nast, links unten im Eck sitzt Richard Heumann. Oben rechts stehen Marco Bergmann und Julius Heu- mann, links oben, mit Zigarre, Jakob Adler. In der Bildmitte sitzend Albert Höchstetter neben Vorstand Paul Gerhardt, hinter ihnen stehen die „beiden Löwenthals“, Sohn Selmar und Vater Luis, und hinter diesen stößt „das kleine Rieserle“ mit einem unbekannten Schützen an.
 

Im Herbst 1927 veranstaltete der Verein ein Jubiläumsschießen zu dem alleinigen Zweck, den inzwischen seit 42 Jahren aktiven Schützen Albert Höchstetter zu ehren. Bei dem anschließenden Festbankett erhielt er „eine künstlerisch ausgeführte Plakette“ und der Schützenmeister würdigte Höchstetters Verdienste: Dieser sei „einer der bekanntesten Schützen, weit über Württemberg hinaus“, der sich allgemeiner Hochachtung erfreue und auch mit 71 immer noch hervorragende Schießergebnisse erziele.

Jeder, der 1927 prophezeit hätte, dass Höchstetter und die anderen jüdischen Mitglieder sechs Jahre später aus dem Verein ausgeschlossen würden, wäre mit Sicherheit für verrückt erklärt worden. Doch genau diese verrückte Wendung nahm die deutsche Geschichte.

Dass Albert Höchstetter ein geselliger Mensch war, der die Freuden des Lebens nicht verachtete, wurde ihm sogar auf seinem Grabstein noch attestiert, nachdem er 1935 im Alter von 78 Jahren verstorben war. Eigentlich eher untypisch für hebräische Elogien heißt es dort:

„Er liebte das Leben und fand Freude am Leben.
Sei seine Seele eingebunden in das Bündel des Lebens.“

 

Hugo Höchstetter

Wesentlich weniger als über den Vater ist über den 1887 geborenen Sohn Hugo bekannt. Als im September 1896 die erste Laupheimer Realschule eröffnet wurde, gehörte er als einer der jüngsten zu den 32 Schülern der ersten Realschulklasse. Bei 14 Schülern, fast der Hälfte dieser Klasse ist „isr.“ als Konfession eingetragen,woran deutlich zu sehen ist, dass diese Bevölkerungsgruppe neue Bildungschancen am entschiedensten nutzte. Nach der Realschulzeit muss er irgendwo eine kaufmännische Lehre absolviert haben, doch bis zum Ersten Weltkrieg fehlen weitere Informationen über ihn.

Sein kaufmännischer Beruf und ein chronisches Magen-Darm-Leiden führten dann dazu, dass er den ganzen Krieg über in diversen Schreibstuben eingesetzt war: Am 6. August 1914 wurde er zum Armierungsbataillon Ulm auf die Wilhelmsburg eingezogen und seit September 1914 gehörte er bis Kriegsende zum dortigen Ersatzbataillon des Infanterieregiments 120, wo er Kompanieschreiber war. Im Februar 1916 wurde er nach Stuttgart abkommandiert, zum württembergischen Kriegsministerium und zur stellvertretenden Generalkommandantur, von wo er im Februar 1918 wieder nach Ulm zum Ersatzbataillon 120 zurückversetzt wurde. Eine seiner Aufgaben war dort, die 8. und 9. Kriegsanleihe und die Ludendorffspende zu bearbeiten. Drei Wochen nach Kriegsende, am 23. November 1918, wurde er als Gefreiter entlassen.

Bald nach dem Krieg, im Juni 1922, verheiratete sich Hugo Höchstetter mit der aus Luzern stammenden, 14 Jahre jüngeren Kathi Kaufmann. Der gemeinsame Sohn Herbert wurde am 14. August 1923 in Ulm geboren, wo die Familie dann auch wohnte. Das Geschäft seines Vaters führte Hugo jedenfalls nicht weiter. Trotzdem riss die Verbindung zu Laupheim nicht ab und später, nach 1933, lebte die Familie zumindest zeitweise wieder hier, da auch der Vater 1935 verstarb. Dabei muss Kathi Höchstetter den damaligen Lehrer der Laupheimer jüdischen Volksschule, Salli Silbermann, kennen- und lieben gelernt haben. Im April 1936 meldeten sich beide in Laupheim ab, auch Sohn Herbert kam mit, und sie emigrierten gemeinsam nach Johannesburg in Südafrika. Südafrika war damals eines der wenigen Länder, in das deutsche Juden ohne größere Probleme auswandern konnten. Der verlassene Ehemann Hugo blieb noch eineinhalb Jahre da und emigrierte schließlich im November 1937 in das Nachbarland Südafrikas, nach Rhodesien. Man kann vermuten, dass Noch-Ehefrau Kathi bei der Wahl des ungewöhnlichen Emigrationszieles behilflich war, doch weil es keine weiteren Nachrichten über die Familie mehr gibt und sich die Spuren dort verlieren, bleiben dies Spekulationen.

 

Quellen:

Zeitzeugenbericht von Ernest Bergman, mündlich (Nachbar der Höchstetters bis 1936). Archiv des Schützenvereins Laupheim 1864 e.V.

John-Bergmann-Nachlass, auf Mikrofilm im Stadtarchiv Laupheim. Jonas Weil: Erinnerungsbuch an den Weltkrieg, Blatt 41.

Natanja Hüttenmeister: Der jüdische Friedhof in Laupheim, 1998. Josef Braun, Alt-Laupheimer Bilderbogen, Bd.1, 1985.

Karl Neidlinger, 100 Jahre Realschule, 1996.

 

 

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