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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch seiten 422 - 428 

OBERNAUER, Wilhelm,

Tabakwaren, Radstraße 21

 

DR . ANTJE KÖHLERSCHMIDT / DR . UDO BA YER

Wilhelm Obernauer, geb. 29.12.1894 in Laupheim OO Hella-Johanna, geb. Lindauer, geb. 17. 11. 1904 in Esslingen, gest. 6.1.1938 in Wangen i. Allgäu,
Heinz Joachim Obernauer, geb. 3. 1. 1925 in Ulm, gest. 1975 USA,
Max Paul Obernauer, geb. 27. 2. 1928 in Laupheim, gest. 2004 USA. Emigration von Wilhelm Obernauer und seinen Söhnen Heinz und Max am 7.12. 1938 nach New York, USA.

Die Obernauers gehörten, wie die Abschrift des ersten Schutzbriefes und weitere Dokumente aus dem 18. Jahrhundert zeigen, zu den ältesten Laupheimer jüdischen Familien. Sie sind auf David Obernauer zurückzuführen, einem von vier Juden, die um das Jahr 1730 in Laupheim Aufnahme gefunden hatten. Im Laufe der Jahrzehnte verzweigten sich die Nachkommen zahlreich. So waren die Obernauers entfernt mit der Familie Einstein verwandt. Max Obernauer berichtete in einem mit ihm im Juni 2000 geführten Interview, dass Albert Einsteins Großmutter die Schwester seiner Urgroßmutter gewesen sei. Sein Vater Wilhelm Obernauer hatte ihn als dreizehnjährigen Buben zu einer Begegnung mit Albert Einstein mitgenommen. Darüber hinaus waren die Obernauers auch mit Carl Laemmle, dem Gründer der Universal-Studios in Hollywood, verwandt.

 

Interview von Dr. Antje Köhlerschmidt mit Max Obernauer am 20. 6. 2000.

(Foto: Dr. Udo Bayer)

 

Diese verwandtschaftlichen Beziehungen begünstigten die Beschaffung der für die Einreise in die USA notwendigen Affidavits für die Familien der Brüder Wilhelm, Max und Hermann Obernauer, die ihnen uncle Carl“ besorgte.

Wilhelm Obernauer wurde als viertes der fünf Kinder von Israel und Paulina Obernauer, geborene Friedberger, am 29. Dezember 1894 geboren. Seine Eltern hatten am 23. Dezember 1883 in ihrer Heimatstadt Laupheim geheiratet und in der Kapellenstraße 56 gewohnt. Dort waren die fünf Geschwister aufgewachsen, hatten die jüdische Volksschule besucht und im Anschluss daran auch die Latein- und Realschule, bevor sie berufstätig wurden. Wilhelm Obernauer betrieb mit seinem Bruder Hermann einen florierenden Zigarrengroßhandel im oberen Stock der jüdischen Volksschule in der Radstraße. An dieser Stelle sei auf die Ausführungen im Artikel zu Hermann Obernauer verwiesen.

Wie seine drei Brüder Hugo, Max und Hermann Obernauer kämpfte Wilhelm als Soldat, er speziell als Mineur bei der Infanterie, im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Kaiserreich, wofür er mit dem Dienstkreuz mit Schwertern ausgezeichnet wurde. Auf einem Gruppenfoto, das aus dem Archiv Ernst Schäll stammt, sind neun Soldaten abgebildet, wobei Wilhelm Obernauer als dritter von links in der weißen Jacke lässig an seinen Kameraden gelehnt in die Ferne schaut. Nach dem Krieg hatte er die Arbeit in der eigenen Firma wieder aufgenommen, wo er hauptsächlich für das Büro zuständig war.

 

 

Wilhelm Obernauer, dritter von links (weiße Jacke).     

(Foto: Archiv Ernst Schäll, Laupheim)

Wilhelm Obernauer heiratete am 4. April 1924 in Esslingen Johanna Lindauer und wohnte mit ihr in der Radstraße 21. Das Haus gehörte Josef Bergmann & Co., sie wohnten dort zur Miete. Zwei Söhne gingen aus dieser Ehe hervor. Heinz-Joachim wurde am 3. Januar 1925 in Ulm geboren und drei Jahre später Max Paul am 27. Februar in Laupheim. Letzterer erinnerte sich an seinen ersten Besuch in Laupheim im Jahr 1988, als er mit seiner Nichte auf Einladung der Stadt hier weilte, und suchte die ehemalige Wohnung in der Radstraße auf:

 „Nebenan von unserem Haus war die Frau Guggenheimer (Anm. d.V.: sie wohnte in der Radstraße 23.) und die hat immer zum Fenster herausgeguckt. Jetzt stehe ich vor meinem Haus dort und das Fenster macht auf. Frau Gug- genheimer müsste ja 120 Jahre alt sein. (Anm. d. V.: sie ist 1941 in Laupheim gestorben.) Wer ist denn das? So sagt die Frau: ‚Herr Obernauer, ich habe an meinem Fenster gewartet und habe gewusst, dass Sie heute hierher kommen.' Da habe ich gesagt: ‚Wer sind Sie?' Da ist sie runtergekommen und sagte: ‚Sie kommen herein zu Kaffee und Kuchen.' ‚Ich weiß nicht, wer Sie sind?' ‚Du weißt doch, dein Onkel Max hatte Jungs und Mädels gehabt, die immer sauber gemacht haben. Eine davon bin ich’.“
 

Nicht nur der Onkel Max Obernauer beschäftigte meist christliche Hausangestellte, auch seine Eltern, wie eine Anzeige von Frau Wilhelm Obernauer“ aus dem Jahr 1925 belegt. Nach der Geburt des ersten Sohnes war eine helfende Hand zur Entlastung der Ehefrau sicher sehr willkommen.

(„Laupheimer Verkündiger“ v. 11. 3. 1925)

 

Die beiden Söhne Heinz und Max wuchsen nur die ersten Jahre im Kreise der Familie und Synagogengemeinde in Laupheim auf. Ihre Mutter Johanna Obernauer erkrankte dann sehr schwer und der Arzt empfahl, dass die Kinder nicht dableiben sollten, so dass der achtjährige Heinz und der damals fünfjähri- ge Bruder Max von 1933 bis 1936 im jüdischen Waisenhaus in Esslingen lebten. Die Großeltern unterstützten die Familie finanziell. Die in einem innigen Verhältnis zueinander stehenden Brüder Heinz und Max kehrten nach Laupheim zurück und besuchten hier die jüdische Volksschule, in der nur noch sieben Kinder waren und Lehrer Silbermann unterrichtete. Zu Max’ jüdischen Freunden gehörten Fritz Bernheim und Sofie Heumann. 1936 hielt sich Carl Laemmle in Zürich auf, wo ihn Wilhelm Obernauer besuchte. Dieser wurde ganz nachdrücklich von Carl Laemmle aufgefordert, in die USA zu kommen, doch die schwere Er- krankung von Johanna Obernauer machte dies zunächst unmöglich. Am 6. Januar 1938 starb sie nach langer Krankheit bereits im Alter von 34 Jahren im Krankenhaus in Wangen im Allgäu und wurde drei Tage später in Laupheim auf dem jüdischen Friedhof begraben. Wilhelm Obernauer unternahm nun alle Anstrengungen, um die Emigration mit seinen beiden Söhnen voranzutreiben und stellte erneut einen Auswanderungsantrag im Stuttgarter Konsulat. Doch bevor diese im Dezember 1938 mit der Überfahrt auf dem Schiff Aquitania“ nach New York glückte, mussten sie noch die Reichspogramnacht vom 9. zum 10. November 1938 in Laupheim erleben, in der von der SA die jüdischen Männer aus ihren Häusern und Wohnungen vor die brennende Synagoge getrieben und dort schikaniert wurden, so auch Wilhelm Obernauer.

Sein Sohn Max Obernauer äußerte sich wie folgt dazu:

 

„Ich erinnere mich an den Tag nach der ‚Kristallnacht'. Ich fuhr mit meinem Fahrrad zum Gefängnis, um meinem Vater Decken, Essen und Geld zu bringen. Mein Bruder hatte zu große Angst und wollte nicht aus dem Haus gehen. Als ich ankam, sagte man mir, mein Vater sei freigelassen; daher gab ich alles meinen Onkeln, die dort waren . . . Als ich heimkam, war er dort. Der Nazi- Beamte – der sich offenbar für die Familie verwandte – hatte seine Freilassung erreicht und ermöglichte es, Laupheim zu verlassen . . . Zwei Tage später fuhren wir mit seinem Wagen zur Schweizer Grenze und in die Freiheit . . . Von der Schweiz aus gingen wir nach Paris und erfuhren dort, dass die Nazis unser Umzugsgut, das noch in Hamburg war, wegen ausstehender Steuern beschlagnahmen wollten. Meine Großmutter hatte Geld auf einer Bank in Laupheim, und mein Vater und die deutsche Botschaft in Paris vereinbarten die Auslösung, wenn mein Vater das Bankguthaben dem Reich übergäbe. So bekamen wir unsere Möbel aus Deutschland heraus. Wir kamen in New York am Weihnachtsabend 1941 mit 2 $ in der Tasche meines Vaters an. Mein Vater ging für 6 $ die Woche als Geschirrabräumer arbeiten. Der Schulbesuch war schlecht, weil wir nicht Englisch sprachen. So kam ich in einen Kindergarten und nach einem Jahr war ich in der ersten Klasse. Ich verließ die Schule nach dem High-School-Abschluss. Zwei Jahre später wurde ich zu den US-Marines eingezogen.“

 

In den USA angekommen lehnte Wilhelm Obernauer nach Aussagen seines Sohnes ein Geldgeschenk Laemmles ab, da er bestrebt war, möglicht selbst für seinen Unterhalt zu sorgen und seinem Lebensretter nicht weiter zur Last zu fallen, denn noch waren seine beiden Brüder Max und Hermann Obernauer mit ihren Familien in Nazideutschland. Ihnen zur Auswanderung zu verhelfen, stand absolut im Vordergrund. Beide waren zu dieser Zeit im KZ Dachau inhaftiert. Hermann Obernauer berichtete seinem Neffen später, dass die SS sie wenig bekleidet bei großer Kälte zwei Stunden im Schnee stehen ließ. Als letzter Laupheimer Gefangener war er am 4. Februar 1939 unter der Maßgabe, sich um die Auswanderung zu bemühen, entlassen worden, diese gelang am Ende des gleichen Jahres. Seine Gesundheit war stark angegriffen, so litt er unter starkem Asthma und konnte nur sehr eingeschränkt als Hausierer in den USA arbeiten.

    

 Johanna Obernauer, geb. Lindauer. Wilhelm Obernauer.

(Fotos: Staatsarchiv Sigmaringen 65/T4 und T5)

 

Der Beginn in den USA war für fast alle Emigranten sehr schwierig, fehlten nicht nur die finanziellen Mittel, sondern auch die Englisch-Kenntnisse. Der zehnjähri- ge Max wurde für ein Jahr in eine andere Familie geschickt und musste einen Kindergarten besuchen, um rasch Englisch zu lernen. Nach seiner Rückkehr zu seinem Vater wurde er in die Klasse 6 b geschickt, ohne die 5 a/b und 6 a besucht zu haben. Selbst bemängelte er, dass ihm zeit seines Lebens bestimmte Grundlagen im Fach Mathematik fehlten. Als 16jähriger, also etwa 1944, verkaufte er Kriegsanleihen und suchte zu diesem Zweck Carl Laemmle junior im „Hotel Plaza in New York auf. Dort begegneten ihm zwei große Filmstars der Zeit: Carry Grant und Ginger Rogers. Laemmle jun. stellte ihm für die Zeichnung von Kriegsanleihen einen Scheck über 35.000 $ aus. Immer wieder begegnete Max Obernauer Bekannten aus Laupheim, so auch Ludwig Steiner, der ihm als er bei den Marines seinen Dienst absolvierte Pakete schickte. Nach dem Abschluss absolvierte er eine Ausbildung zum Dekorateur und arbeitete in einem Möbelgeschäft. Max heiratete später eine Jüdin und sie bekamen einen Sohn.

Sein Bruder Heinz diente als US-Soldat im Zweiten Weltkrieg und war am Ende des Krieges in Casablanca zur Bewachung eines deutschen Kriegsgefangenenlagers eingeteilt. Dort begegnete er einem jungen Mann aus Laupheim, der ihn wiedererkannt hatte. Auch Heinz gründete eine Familie und hatte zwei Töchter. 1975 verunglückte er tödlich, als er gerade 50 Jahre alt war.

Max Obernauer kehrte 1988 auf Einladung der Stadt Laupheim in seine Geburtsstadt zurück und entwickelte eine enge emotionale Beziehung zu ihr, besonders das jährlich stattfindende Kinder- und Heimatfest liebte er, aber auch die schwäbische Kost wie die Dampfnudeln. Mehrfach besuchte er den oberschwäbischen Ort, einmal begleitet von den Nichte Carol, ein anderes Mal von Marjorie und 1998 in Begleitung seines Sohnes. Was für ihn eine Reise in die eigene Vergangenheit war, bedeutete für die in den USA geborene Generation eine Suche nach ihren Wurzeln. Max Obernauer pflegte viele Jahre freundschaftliche Kontakte mit der Familie Dr. Udo Bayers, die ihn liebevoll betreute. Max Obernauers Frau erkrankte psychisch und dies zehrte an den finanziellen Mitteln, so dass er bis ins hohe Alter in einem Möbelgeschäft in Long Island arbeitete.

Nach seinem Verhältnis zur Religion befragt, sagte er: „Ich bin Jude, aber ich bin nicht so religiös. Bis ungefähr 10 oder 12 Jahre bin ich jede Woche am Freitagabend in die Synagoge gegangen und an hohen Feiertagen.“ In den USA wurde er einer der Vizepräsidenten der Vereinigung jüdischer Gemeinden in New York. Doch sein Verhältnis zu seiner Religion wurde getrübt, als er seinen Rabbiner bat, im Krankenhaus seine schwer erkrankte Frau zu besuchen, was dieser mit dem Hinweis auf den dortigen Rabbi ablehnte. Auch hatte er sich den Beistand seines Rabbiners gewünscht, nachdem sein Sohn eine Christin geheiratet hatte, da er seine Enkel gern im jüdischen Glauben erzogen wissen wollte. Da er wieder mit seinem Anliegen scheiterte, zog er sich zurück.

Im Besitz von Max Obernauer war ein ganz besonderer Chanukka-Leuchter, der für das frohe jüdische Lichterfest bedeutsam ist und am Kislew, meist im November oder Dezember, beginnt. Es dauert acht Tage und erinnert an die Rückeroberung und Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem zur Zeit der Makkabäer. Die acht Kerzen des Chanukka-Leuchters werden in einer bestimmten Reihenfolge angezündet.

 

(Schwäbische Zeitung v. 24. 6. 2000, Bernhard Raidt)


 Einen wertvollen Chanukka-Leuchter brachte Max Obernauer Bürgermeister Schick aus New York mit. 

(Foto: Bernhard Raidt, Schwäbische Zeitung)

 

Das silberne Unikat dieses Kultgegenstandes, das 1938 von einem Laupheimer Juwelier aus 500 Silbermünzen seines Vaters herstellt worden war, da Juden zwar kein Bargeld wohl aber Kultgegenstände bei der Emigration mitnehmen durften, schenkte Max Obernauer dem Museum zur Geschichte von Christen und Juden in Laupheim, wo es einen würdigen Platz in der Ausstellung einnimmt und von jedem Besucher genau betrachtet werden kann.

 

Quellen:

Adreß- und Geschäfts-Handbuch für die Oberamtsstadt und die Bezirksgemeinden Laupheim. 1925. Archiv Ernst Schäll, Laupheim.

Hüttenmeister, Nathanja: Der Jüdische Friedhof Laupheim. Laupheim 1998. S. 517. Interview von Dr. Antje Köhlerschmidt mit Max Obernauer vom 23.06.2000 in Laupheim. Kreisarchiv Biberach 034 BüNr. 3 Az 6104/1.

Laupheimer Verkündiger vom 11. 3.1925.

Museum zur Geschichte von Christen und Juden, Schloss Großlaupheim.

Schenk, Georg: Laupheim. Geschichte - Land - Leute. Weißenhorn 1976. S. 160. Standesamt Laupheim. Familienregisterband V. S. 216.

Weil, Jonas: Verzeichnis von Kriegsteilnehmern der israelitischen Gemeinde Laupheim. Laupheim 1919.

 

 

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