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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Steiten 435 - 446 

RIESER, Babette,

Radstraße 29

 

DR . ANTJE KÖHLERSCHMIDT

Heinrich Baruch Rieser, geb. 27. 2. 1856 in Laupheim, gest. 19. 12. 1932 in Laupheim], OO Babette Rieser, geb. Gump, geb. 7. 10. 1860 in Krumbach, gest. 15. 5. 1941 in Laupheim,
[Hermine Rieser, geb. 2. 7. 1884 in Laupheim, gest. 3. 7. 1884 in Laupheim],
Clothilde Rieser verh. Levy, geb. 2. 2. 1887 in Laupheim, Deportation am 23. 8. 1944 nach Theresienstadt, dann am 28. 10.1944 nach Auschwitz, Ermordung, OO Julius Levy, geb. 29. 5. 1877 in Buttenhausen, Deportation 23. 8. 1944 nach Theresienstadt, dann am 28. 10. 1944 nach Auschwitz, Ermordung,
Margarethe Levy, geb. 30. 9. 1913 in Buttenhausen, Emigration am 24. 1. 1938 nach New York, USA,
Hedwig Rieser, verh. Meinstein, geb. 10. 7. 1890, Deportation am 28. 11. 1941 nach Riga, Ermordung am 28. 2. 1942, OO Hermann Meinstein, 19. 7. 1882 in Zirndorf, Deportation am 28. 11. 1941 nach Riga, Ermordung am 28. 2. 1942,
Elsa Ruth Rieser, geb. 30. 1. 1892 in Laupheim, Deportation am 23. 8. 1942 nach Theresienstadt, gest. 8. 4. 1984 in München.

Wenn sich der Leser einmal auf das Schicksal der Angehörigen dieser Familie konzentriert und sein Blick letztendlich auf Elsa Ruth Rieser fällt, dann hat er eine der beiden Laupheimer Überlebenden der Shoa, d. h. des Völkermordes an den Juden, entdeckt. Tatsache ist, dass von den vier Deportationen, die 1941 und 1942 aus Laupheim nach Riga, Izbica bei Lublin, Auschwitz und Theresienstadt gingen, niemand überlebte. Aber zwei jüngere jüdische Frauen, die aus Laupheim stammten, überstanden von anderen Orten Süddeutschlands ausgehend die furchtbaren Deportationen und Konzentrationslager. Neben Recha Schmal war das Elsa Ruth Rieser, deren Lebensweg aufgrund der guten Quellenlage recht umfassend dargelegt werden kann. Die Informationen über die anderen Angehörigen sind deutlich spärlicher.

Die Rieser-Familien des Gedenkbuches sind natürlich wie die Einstein-Familien mehr oder weniger miteinander verwandt. Zurück gehen sie auf Hirsch Emanuel Rieser (1757–1818) und seine Frau Miriam, geb. Thannhauser (1745–1839). Heinrich Baruch Rieser, der am 27. Februar 1856 in Laupheim als Sohn von Hirsch Raphael Rieser (1819–1896) und Bertha, geb. Hofheimer (1826–1908), geboren wurde, gehörte zur vierten Generation der Riesers in Laupheim. Er wuchs hier auf und wurde Kaufmann. Am 26. Februar 1883 heiratete er Babette Gump, die am 7. Oktober 1860 in Krumbach geboren wurde. Das Paar lebte im Elternhaus des Mannes in der Radstraße 29. Zum Wohnhaus gehörte eine Scheuer, Viehhaus nebst Hofraum mit 3 Ar und 71 m². Heinrich und Babette Rieser bekamen vier Kinder. Die erstgeborene Tochter Hermine verstarb 1884 bereits am Tag nach ihrer Geburt. Clothilde, geboren am 2. Februar 1887, Hedwig, geboren am 10. Juli 1890, und Elsa Ruth, geboren am 30. Januar 1892, wuchsen in Laupheim auf, besuchten die jüdische Volksschule, die sich wie ihr Elternhaus in der Radstraße befand. Aus dieser Zeit gibt es Fotografien, die die Mädchen zeigen. Clothilde stand auf dem Foto der israelitischen Volksschule mit dem Lehrer Adolf Gideon, das um 1895 aufgenommen wurde, in der drit- ten Reihe als zweite von rechts zwischen Bertl Einstein und Berta Adler. Elsa Ruth Rieser ist in der zweiten Reihe von oben ganz rechts auf dem Bild der gleichen Schule abgebildet. Interessanterweise tauchte in diesem Zusammenhang der Name Rosa Ruth Rieser bei der Nennung der Namen auf. Wie es dazu kam, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Allerdings hatte Elsa eine zwei Jahre jüngere Cousine gleichen Namens, die ebenfalls auf dem Foto abgebildet war. Sie war die Tochter ihres Onkels Max Rieser und seiner Frau Milli. Möglicherweise war Rosa ein Kose- oder Rufname von Elsa Ruth Rieser, der sich zur Unterscheidung der Cousinen eingebürgert hatte. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1904 bzw. 1905 und zeigt die jüdischen Schüler mit ihrem Lehrer Haymann. Ein Bild von Hedwig aus dieser Zeit fehlt.

Clothilde Rieser auf einem Schulfoto von 1895 zwischen Bertl Einstein und Berta Adler.

 

 

 

 

 


Elsa Ruth Rieser (Mitte) ist auf einem Schulfoto der gleichen Schule von ca. 1904 abgebildet.

Wie die weitere schulische und berufliche Ausbildung der drei Schwestern verlief, ist nicht gesichert, aber es darf wohl angenommen werden, dass sie die Realschule besuchten und dann andere Wege einschlugen. Die beiden älteren heirateten, während sich Elsa Ruth Rieser für den krankenpflegerischen Berufsweg entschied.

 

Clothilde und Julius Levy

Clothilde Rieser heiratete 23jährig am 14. März 1910 in Laupheim Julius Levy aus Buttenhausen. Entgegen des sonst üblichen Wegzugs der jungen Ehefrau an den Wohn- oder Beschäftigungsort des Ehemannes nahm das frisch vermählte Paar seinen Wohnsitz im Elternhaus der Braut in der Radstraße 29 in Laupheim. Julius Levy war Viehhändler und betrieb dort bzw. von dort aus auch seinen Handel. Am 30. September 1913 kam in Buttenhausen ihre Tochter Margarethe Levy zur Welt. Leider war sie auf keinem der bekannten Schulfotos zu finden. Später erlernte Margarethe den Beruf einer Stenotypistin. Ihr gelang als einzige der Familie Rieser die Emigration am 24. Januar 1938 nach New York, USA, wo sie später heiratete und ab da den in Laupheim sehr bekannten Familiennamen Heumann trug.

Dass Fotos von Julius und Clothilde Levy abgedruckt werden können und der Leser ihnen ins Gesicht schauen kann, ist einem Fund von Passfotos aus ihren Reisepässen im Staatsarchiv Sigmaringen zu verdanken.

 

 

 

   

                 Clothilde Levy geb. Rieser.                                         Julius Levy.                                     

Diese benötigten sie,um ihrer Tochter eine monatliche Unterstützung von 10 Reichsmark nach Amerika zu schicken. Das weist auf die schwierige Situation der neu in die Vereinigten Staaten emigrierten Juden hin, aber auch die große und fürsorgliche Unterstützung der unter immer schwierigeren Bedingungen in Laupheim lebenden Eltern für ihre Tochter Margarethe. Durch die erheblichen Einschränkungen, die jüdischen Geschäftsleuten durch die Nationalsozialisten auferlegt wurden, und die permanente antijüdische Propaganda sowie Einschüchterung der christlichen Kundschaft waren die Erträge ihrer Geschäfte seit 1933 stetig zurückgegangen. 1938 wurde Julius Levy der Wandergewerbeschein vom zuständigen und von den Nationalsozialisten dominierten Viehwirtschaftsverband Stuttgart entzogen, was letztlich einem Berufsverbot als Viehhändler, der vorwiegend vor Ort mit den Bauern die Geschäfte schloss, darstellte. Wovon die Familie ihren Lebensunterhalt in den folgenden Jahren bestritt, war nicht zu ermitteln. Sicher scheint nur, dass sich ihre Lebenssituation immer weiter zuspitzte. Darüber hinaus hatten mit der Pogromnacht am 9. November 1938 deutschlandweit brutale Übergriffe auf Leben, Gesundheit und Freiheit der jüdischen Deutschen sowie ihr Eigentum stattgefunden und eine neue Dimension der Repressalien ihnen gegen- über erreicht. Julius Levy war der so genannten Schutzhaft anlässlich dieses Ereignisses in jener Nacht in Laupheim entgangen, aber gemeinsam mit elf anderen jüdischen Laupheimern inhaftierte man ihn und seinen Schwager Hermann Meinstein am Jahrestag des schrecklichen Ereignisses, dem 9. November 1939, im Amtsgerichtsgefängnis in Laupheim. Im Oktober 1942 mussten Julius und Clothilde Levy schließlich auf Anweisung der Nationalsozialisten die Radstraße 29 verlassen und in die außerhalb der Stadt liegenden Baracken in der Wendelinsgrube ziehen. Warum und unter welchen Umständen sie am 2. April 1942 von dort nach Tigerfeld, Kreis Münsingen, verzogen, ist völlig unklar. Gewiss ist jedoch ihr weiteres Schicksal, wurden sie doch am 23. August 1942 mit dem Transport XIII/1 ins KZ Theresienstadt deportiert und von dort gemeinsam am 28. Oktober 1944 in KZ Auschwitz weiterdeportiert und ermordet.

 

Heinrich Baruch und Babette Rieser

Der Vater der Familie starb am 19. Dezember 1932 in Laupheim und wurde hier auf dem jüdischen Friedhof begraben. Im Buch „Der Jüdische Friedhof Laupheim auf Seite 507 heißt es über ihn: „Der Kaufmann war das älteste Vorstandsmitglied des Talmud-Thora-Vereins, dem er 25 Jahre lang angehört hatte.“ Dieser 1794 gegründete Verein hatte sich die Verbreitung jüdischer Religionskenntnisse unter den Gemeindemitgliedern, speziell der Jugend, zur Aufgabe gemacht. Darüber hinaus übernahm er die Armenfürsorge, Krankenpflegedienste, die Verrichtung der üblichen Lektionen und Gebete bei Sterbefällen. Das langjährige Engagement Heinrich Riesers im Talmud-Thora-Verein deutet darauf hin, dass ihm der jüdische Glaube und soziales Wirken besonders wichtig waren.

Nach dem Tod ihres Mannes wohnte Babette Rieser wie zuvor mit ihrer Tochter Clothilde und dem Schwiegersohn Julius Levi sowie ihrer Enkelin Margarethe in der Kapellenstraße 29. Über ihr Leben in Laupheim selbst war nichts weiter zu ermitteln. Ihr Leben dürfte sich auf das Wohl ihrer Familie, der jüdischen Gemeinde und unmittelbaren christlichen Nachbarschaft beschränkt haben. Babette Rieser lebte für einige Zeit, während der Jahre 1939 bis 1941, im jüdischen Altersheim, das im ehemaligen Rabbinat eingerichtet worden war. Warum sie sich dort zeitweise aufhielt, ist nicht überliefert. Vielleicht war das Haus in der

 

Hedwig und Hermann Rieser

Kapellenstraße 29 nach dem Zuzug von Hedwig und Hermann Meinstein zu eng geworden. Jedenfalls ist es ihrem dortigen Aufenthalt zu verdanken, dass zwei Fotos von ihr überliefert sind. Auf dem linken Bild ist im Hintergrund Babette Rieser als zirka 80jährige Frau mit Rosa Einstein abgebildet. Auf dem oben abgedruckten, bekannteren Bild vom jüdischen Altersheim, das im Rabbinat Laupheim untergebracht war, sitzt sie an der festlich geschmückten Kaffeetafel ganz rechts. Am 15. Mai 1941 starb Babette Rieser in Laupheim und wurde wie ihr Mann auf dem dortigen jüdischen Friedhof begraben.

Die mittlere der drei erwachsen gewordenen Töchter war Hedwig Rieser, die am 31. Oktober 1919 Heinrich Meinstein aus Zirndorf/Bezirk Fürth in Bayern geboren wurde und dort am 19. Februar 1882 heiratete. Sie verließ nun ganz tradi- tionell ihren Heimatort und folgte ihrem Mann. Über ihren weiteren Lebensweg ist bis 1938 nichts bekannt. Ihre Ehe blieb kinderlos. Am 7. Dezember 1938 zogen Hedwig und Hermann Meinstein zu ihrer Mutter, der Schwester und dem Schwager in die Radstraße 29 nach Laupheim, von wo sie wie Clothilde und Julius Levi im Oktober 1941 in die Wendelinsgrube außerhalb der Stadt zwangs- umgesiedelt wurden. Das Ehepaar wurde der ersten von Laupheim abgehenden Deportation nach Riga zugeteilt, so dass sie am 28. November 1941 über den Stuttgarter Killesberg mit 1011 weiteren jüdischen Württembergern in den Osten deportiert wurden. Als Zeitpunkt ihres Todes wurde der 26. März 1942 vom Amtsgericht Laupheim in seinem Beschluss vom 30. Dezember 1949 festgelegt. Hedwig und Hermann Meinstein wurden wahrscheinlich bei einer der zahlreiche Massenerschießungen in den Monaten nach Ankunft in Riga am 3. Dezember 1941 ermordet.

 

Elsa Ruth Rieser

Anders als ihre beiden älteren Schwestern blieb Elsa unverheiratet. Nach ihrer Schulzeit absolvierte sie eine Ausbildung als Krankenschwester. Bereits 1912 hatte sie sich als Rote-Kreuz-Helferin der „Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz“ in Laupheim angeschlossen, um bei Unglücksfällen Rettungsdienste sowie Erste Hilfe zu leisten, aber auch in der vorbeugenden Gesundheitsfürsorge eingesetzt zu werden. Im Falle eines Krieges galt es, Verwundete oder Verletzte zu versorgen, wie es in den Genfer Konventionen von 1864 festgeschrieben worden war. Die Konfessionszugehörigkeit der Rote-Kreuz-Mitglieder stand dahinter zurück, was das nebenstehende Foto belegt. Das Bild aus dem Jahre 1914, aufgenommen vor dem Oberamtsgebäude, zeigt 15 TeilnehmerInnen nach Absolvierung eines Sanitätskurses, wobei Elsa die einzige Jüdin auf dem Foto ist.

 

 

1. Reihe, von links: Gerhardt, Rieser, Ganser, Bammert, Link. 2. Reihe: Trefz, Esslinger, Kinzelbach, Ruth Steiner, Schabel, Schick, König. Männer: J. Schick (Kolonnenarzt), Dr. Bullinger in Stabsarzt-Uniform, A. Herzog.
 

Elsa meldete sich dann in das jüdische Schwesternheim nach Stuttgart in der Dillmanstraße als Berufskrankenschwester und legte dort das Staatsexamen ab. Besonders bemerkenswert ist, dass sie als einzige Frau Eingang in das von Jonas Weil angelegte Verzeichnis von den Kriegsteilnehmern der israelitischen Gemeinde“ fand, denn im Ersten Weltkrieg war sie am 15. August 1914 zunächst als Hilfsschwester vom Roten Kreuz ins Vereinslazarett in Laupheim eingerückt. Während des Krieges diente sie unter anderem in den Kriegslazaretten Calimanesti in Rumänien sowie Morlanwelz in Belgien, wo sie hauptsächlich zur Pflege von Bauchkranken eingesetzt worden war. Elsa wurde in dieser Zeit nicht nur zur Jüdischen Berufskrankenschwester befördert, sondern auch mit dem Württembergischen Charlottenkreuz sowie der Preußischen Rote-Kreuz-Medaille ausgezeichnet. Am 28. November 1918 wurde sie in das jüdische Schwesternheim Stuttgart entlassen. Bis 1933 war sie als Krankenschwester sowohl bei christlichen als auch jüdischen Patienten eingesetzt worden, danach nur noch bei den Pflegebedürftigen ihrer Konfession.

Elsa Ruth Rieser schilderte die Zeit ab 1933 in einem Erlebnisbericht am 12. Juli 1961 eindrücklich auf Bitten von Dr. Maria Zelzer, die sie im Auftrag der Stadt Stuttgart für das Gedenkbuch Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden“, Stuttgart 1964, als Zeitzeugin dazu aufgefordert hatte:

„Die Kristallnacht brachte uns einen großen Umschwung. Viele Leute suchten Obdach. Am anderen Morgen mussten alle auf Befehl das Haus (in der Dillmannstraße d.V.) räumen. Wir wurden von da an dauernd mit Schikanen belästigt, sei es im Essen, Wohnen, unser Heim wurde ein Massenquartier. Im Jahre 1941 mußten wir das Heim innerhalb von 12 Stunden mit vielen alten Leuten und Schwestern für die Hitlerjugend räumen.
Dann kamen wir ins Altersheim, anschließend nach Dellmensingen in ein Massenlager, natürlich wurde das Essen knapp und die Behandlung auch entsprechend. Wir durften das Haus nicht verlassen ohne Ausweis vom dortigen Bürgermeister.
Am 22. August 1942 kamen wir in das Sammellager Killesberg/Stuttgart, von wo aus 1200 Leute nach Theresienstadt abtransportiert wurden. Schon unterwegs starben gesunde und kranke Leute. Wir wurden im Viehwagen eingepfercht, auf dem Boden etwas Stroh, Verpflegung gab es natürlich nicht. Es wurde uns versprochen, dass wir in ein Altersheim kommen. Aber die Enttäuschung war groß, als wir in Theresienstadt auf dem Dachboden einer Kaserne landeten. Dort waren schon tausend Leute auf dem Steinboden ohne Unterlage, nur das Bettzeug wurde gestattet, Kissen, Wolldecke, Fenster waren keine da, nur Dachluken.
Durch das wenige Essen und sonstige Entbehrungen starben täglich so und so viele Leute an Typhus und Ruhr. Das Wasser mussten wir zum Putzen und übrige Arbeiten 4 Treppen vom Hof in kleinen Eimern tragen. Oft wurde der Brunnen abgestellt. Für die Putzarbeiten mußten wir Chlorkalk nehmen.
Jeden Tag gingen Transporte nach dem Osten. Von Österreich, der Tschechoslowakei, Holland, Polen und Deutschland kamen dauernd Transporte an, sobald welche von Theresienstadt abgingen, wurde wieder frisch aufgefüllt.
Die Leute, die nicht zu krank und zu schwach waren, mussten schon arbeiten, teils in Fabriken und Betrieben für das Militär oder wurden zu anderen Arbeiten eingesetzt. Es gab nie einen freien Tag, weder Sonn- noch Feiertag.
1944 bekam ich eine Brandblase durch einen defekten Ofen. Meine Finger wurden nur mit einer unsterilen Schere aufgeschnitten, was sofort eine Blutvergiftung Phlegmone verursachte. Der Körper war vollständig unterernährt mit 70 Pfund. Der Finger musste amputiert werden, die Vergiftung breitete sich weiter am Arm aus und ist trotz 18 Operationen nicht zu retten gewesen. Ich verlor im Februar 1944 meinen Arm und konnte monatelang nicht mehr aufstehen. Ich wurde für medizinische Versuche für das Militär benutzt. Mein größter Kummer war, meinen Beruf als Schwester nicht mehr ausüben zu können. Ich habe später im Lager trotzdem, so weit es ging, Nachtwachen und andere Arbeiten verrichtet.“ (Stadtarchiv Stuttgart SO 172, M-R)
 

Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar, wie Elsa Ruth Rieser diese unmenschlichen Lebensbedingungen überstehen konnte. Ein tief in ihr wohnender Lebenswille und eine ungebrochene Zuversicht mögen ihre Persönlichkeit ausgezeichnet haben, um nicht an diesen vom NS-Regime aufgezwungenen Strapazen zu zerbrechen. Die Ulmer Krankenschwester Resi Weglein schrieb in ihren Lebenserinnerungen Als Krankenschwester im KZ Theresienstadt“: „Ruth Rieser, Berufsschwester aus Stuttgart, verlor infolge Betriebsunfalles den linken Arm, wurde durch den letzten Lagerkommandanten Rham zweimal aus Transporten ausgeschieden, weil sie sich freiwillig zu Versuchszwecken zur Verfügung gestellt hatte.“ (S. 44.). Von Freiwilligkeit kann in diesem Zusammenhang wohl überhaupt nicht die Rede sein, da Elsa verzweifelt versuchte, den in die Vernich- tungslager des Ostens wie Auschwitz oder Treblinka abgehenden Transporten und damit ihrer Ermordung zu entgehen. Schließlich gehörte sie zu den wenigen Insassen des KZ Theresienstadt, die ihre Befreiung am 9. Mai 1945 durch die Rote Armee erlebten. Aus dem Deutschen Reich waren zirka 42 124 Juden zwischen 1942 und 1945 mit 329 Transporten aus 19 Deportationsgebieten in das KZ Theresienstadt verschleppt worden. Der Prozentsatz aller Sterbefälle der Theresienstädter Häftlinge, d. h. der Tod in Theresienstadt und der Tod nach weiterer Deportation lag bei ca. 86 Prozent.

Wie für alle Überlebenden der KZ stellte sich nach ihrer Befreiung die Frage, wohin sie nun gehen sollten, befanden sie sich doch auf dem Boden der Täter, d. h. derjenigen, die ihnen das jahrelange Leid angetan und ihre Verwandten ermordet hatten. Die beiden Schwestern Elsas und ihre Männer waren in ihrem Heimatland Deutschland ermordet worden. Zunächst dürfte Elsa Ruth Rieser für die nächsten Wochen in Theresienstadt geblieben sein. Dies lag insofern nahe, um in den Wirren der ersten Nachkriegszeit Essen und Obdach zu haben. Die Ulmer Krankenschwester Resi Weglein schilderte dies eindrücklich in ihren Lebenserinnerungen auf Seite 97: „Das Leben ging für uns im alten Gleise weiter, nur wurden wir täglich satt. Wir konnten allerdings die uns zugeteilten 500 Gramm nicht aufessen. Solch große Mengen hätte der ausgehungerte Magen nicht mehr verarbeiten können. (. . .) Jeden vierten Tag konnten wir ein ganzes Brot abgeben und hatten selbst noch reichlich. Täglich gab es mittags und abends Graupengerichte, einmal in der Woche 500 Gramm Kartoffeln mit Fleischtunke.“ 1945 grassierte Tuberkulose und Flecktyphus, die unter den geschwächten ehemaligen KZ-Häftlingen sich rasch ausbreiteten. Nur durch entschlossene Hygienemaßnahmen, Quarantäne, Pflege und Ernährung konnten die Seuchen in Theresienstadt eingedämmt werden, aber sie führten auch zu einer verzögerten Heimkehr. Am 19. Juni 1945 kamen drei Omnibusse aus Stuttgart in Theresienstadt an, die alle Württemberger Juden abholen wollten.

120 kehrten nach Stuttgart zurück, unter ihnen war auch Elsa Ruth Rieser. Da kei- ner ihrer Verwandten aus Laupheim mehr lebte, blieb sie für die nächsten vier Jahre im D.P.-Lager, früher Sanatorium Katz, in Stuttgart-Degernloch. Dort war sie in Küche und Haus beschäftigt. Die Abkürzung D.P. steht für Displaced Persons, d.h. Menschen, die nicht an diesem Ort beheimatet waren, was im wahrsten Sinne des Wortes auf KZ-Insassen und Zwangsarbeiter jeder Herkunft zutraf. Diese D.P.-Lager waren für sie von den französischen und amerikanischen Besatzern eingerichtet worden, um den Betroffenen einen vorübergehenden Aufenthaltsort zur Verfügung zu stellen, bis sie in ihre Heimat zurückkehren konnten bzw. eine individuelle Lösung in Form der Auswanderung nach Palästina mit Unterstützung diverser Hilfsorganisationen oder zu emigrierten Verwandten in alle Welt gefunden hatten. Auch in Ulm hatte es ein großes D.P.-Lager gegeben.

Im Oktober 1945 strebte Elsa Ruth Rieser, die selbst mit Ruth Rosa Rieser unterschrieb, von Stuttgart aus die Rückgabe ihres Elternhauses in der Radstraße 29 in Laupheim an. Mit der Deportation von Clothilde und Julius Levi, Hedwig und Hermann Meinstein sowie Elsa Ruth Rieser aus dem Deutschen Reich war das Haus gemäß Verfügung der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Stuttgart, vom 24. November 1941 und vom 21. August 1942 zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen worden. Erst 1950 entschied die Restitutionskammer des Landgerichts Ravensburg in einem Anerkennungs-Urteil, dass Elsa, genannt Schwester Ruth, Rieser ihr Elternhaus rückerstattet wurde. Eine Rückkehr nach Laupheim kam für sie sicher aus den verschiedensten Gründen nicht in Frage, so dass sie 1951 das Haus in der Radstraße 29 an den Viehhändler Albert Held ver- kaufte. Darüber hinaus hatte sie am 29. März 1946 sich mit folgenden Worten an den Bürgermeister von Laupheim gewandt: „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir die laufenden Mieten zusenden würden, da ich dieselben benötige.“ In diesem Sinne wandte sich der Justiziar der Stadt an das zuständige Finanzamt in Biberach, dessen Ausgang jedoch nicht aktenkundig ist. Die Abführung der Mieteinnahmen an die rechtmäßige Erbin des Hauses ist anzunehmen.

Aus der Hand Elsa Ruth Riesers stammt vom 24. Oktober 1946 eine erste Liste von in verschiedenen KZ Umgekommenen, die sie auf Wunsch des damaligen Laupheimer Bürgermeisters Heynek(?) nach eigenem Kenntnisstand anfertigte. Sie benannte 65 Personen, wobei eine Resi Weglein überlebt hatte, also 64 Opfer eine Zahl, die leider deutlich nach oben korrigiert werden musste. Allein die direkt aus Laupheim Deportierten sind 81 Personen, 68 Laupheimer und 13 Heggbacher. Würde man nun alle weiteren nahen Angehörigen unserer ehemaligen Laupheimer Juden hinzuzählen, fiele die Zahl wesentlich höher aus.




Die Lisle der in den KZ umgekommenen Laupheimer Juden, die Eisa Ruth Rieser 1946 für den Laupheimer Bürgermeister aufstellle  und die leider später wesentlich nach oben korrigiert werden mußle.

 

Elsa Ruth Rieser entschloss sich im Frühjahr 1950, in das jüdische Altersheim nach München zu gehen. Im Saul-Eisenheim-Seniorenheim fand sie ab dem 4. April 1950 für 34 Jahre eine neue Heimstatt. Immer wieder bemühte sie sich um Kuren zur Förderung ihres Gesundheitszustandes. Dabei stieß sie z. T. auf erhebliche bürokratische Hürden und für sie sehr kränkende Äußerungen, wie sie selbst 1961 berichtete: An all das, was ich durchgemacht habe, denke ich natürlich nicht gerne zurück. Nur mein körperlicher Zustand zwingt mich täglich, an das Geschehene zu erinnern. Als ich vor drei Jahren vom Landesentschädigungsamt wegen meines schlechten Allgemeinzustandes einen Kuraufenthalt beantragte, musste ich mir von dem untersuchenden Arzt erklären lassen, dass ich eine Kur nicht benötigen würde. Ich sollte mir vielmehr meinen Armstumpf trotz meines schlechten Gesundheitszustandes abnehmen lassen. Dann würde es mir besser gehen. Als ich dieses Jahr nochmals den Versuch machte, einen Kuraufenthalt bewilligt zu bekommen, bekam ich von demselben Arzt wieder das Gleiche zu hören.“ Die Kur wurde letztlich doch bewilligt, dennoch ist aus ihrer Lebensgeschichte und der ihrer Angehörigen die Wahrnehmung einer Ablehnung wesentlich sensitiver einzuschätzen. Sie empfand sich als persönlich getroffen. Ihre Gesundheit stabilisierte sich wieder und sie erfreute sich im Seniorenheim in München eines langen Lebens.

Sie wurde von Ruth Steinführer, Leiterin des Sozialreferates der Israelitischen Kultusgemeinde München, als eine „sehr liebenswürdige und hilfsbereite Dame, die im Altersheim sich großer Beliebtheit erfreute“, bezeichnet. Elsa Ruth Rieser starb dort am 8. April 1984 im hohen Alter von 92 Jahren.

Elsa Ruth Rieser.

 

Quellen-, Literatur- und Bildverzeichnis:

Archiv: Ernst Schäll.

Braun, Josef: Alt - Laupheimer Bilderbogen. Laupheim 1985. S. 107-108. Hüttenmeister, Nathanja: Der Jüdische Friedhof Laupheim. Laupheim 1998. Kreisarchiv Biberach F 6130 - 2.

Schreiben der Israelitischen Kultusgemeinden München an Dr. Antje Köhlerschmidt vom 30. 8. 2002. Staatsarchiv Sigmaringen 126/2.

Stadtarchiv Laupheim.

Stadtarchiv München: Meldekarte Elsa Rieser.

Stadtarchiv Stuttgart SO 172, M - R (Tischendorf - Zelzer Bestand).

Standesamt Laupheim Familienregister Band V. S.214, u. S. 309; Heiratshauptregister 1919 Nr.27. Theresienstädter Gedenkbuch. Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942–1945. Prag und Berlin 2000.

Weglein, Resi: Als Krankenschwester im KZ Theresienstadt. Stuttgart 1990.

 

 

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