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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 133 - 135

BLUMENTHAL, Ludwig,

Kapellenstraße 67

 

KARL NEIDLINGER

Ludwig Blumenthal, geb. am 30. 7. 1881 in Laupheim, gest. in den USA,
O
O Rosa Blumenthal, geb. Klein, geb. am 14. 9. 1881 in Roth/Bayern, gest. am 14. 8. 1936 in Laupheim.
   Gertrud, geb. am 24. 3. 1912 in Laupheim, Heirat am 11. 10. 1933 mit Karl Lauchheimer aus Jebenhausen bei Göppingen, zweite Ehe in den USA: Friedlaender, gestorben 1991.
Emigration der Familie im Juli 1938 in die USA, New York.

Auch die Familie Blumenthal stammte, wie die vorgehende Familie Bernheimer und andere, aus Buttenhausen im Lautertal. Der Großvater Nathan Blumenthal kam um 1870 nach Laupheim  und  begann erst mit einem Vieh- und Pferdehandel. Von seinen zehn ehelichen Kindern, zwisch 1868 und 1884 geboren, wanderten die ältesten Söhne alle in die USA aus der Zweitjüngste, Ludwig, das Geschäft seit 1909 weiterführen konnte. Auf dem nebenstehenden Schulfoto von 1884 mit dem Lehrer Ascher sind beide Blumenthal-Töchter Mathilde (*1876, li.) und  Jenny (*1877, re.) als Grundschülerinnen in der Mitte des Bildes zu finden. Ludwig war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Schule.

(Foto: Leo-Baeck-Institut, NY)

Es war dem Chronisten und Genealogen der Laupheimer jüdischen Gemeinde, John H. Bergmann, eine Extra-Bemerkung wert auf der Stammtafel der Blumenthals: Neben seinen zehn ehelichen Kindern hatte Nathan Blumenthal „many illegal children in the villages around Laupheim“; jedoch ging John Bergmann nicht näher auf diesen Sachverhalt ein.

In der kürzlich zu Ende gegangenen, erfolgreichen Ausstellung „Biberach im Nationalsozialismus“ wurde auch das Schicksal der Biberacherin Klothilde Nusser und ihrer sieben unehelichen Kinder thematisiert. Die zwischen 1889 und 1903 geborenen Kinder gerieten später in die Mühlen des NS-Staats, da es laut Standesamt Biberach „stadtbekannt war, dass der Jude Nathan Blumenthal aus Laupheim im Hause der Clothilde Nusser verkehrte und dass er auch für die unehelichen Kinder derselben sorgte“. Nathan Blumenthal hatte offenbar in Biberach eine zweite Familie, für die er auch Sorge trug.

     

Gertrud Blumenthal um 1932.

(Fotos: Archiv Dr. Bayer)

Gertrud und Karl Lauchheimer 1938, unmittelbar vor der Emigration.

Sohn Ludwig war später vor allem Richtung Illertal/Holzstöcke und namentlich bei den Schnürpflinger Bauern gut im Geschäft, wie ein Zeitzeuge sich erinnerte. Er verheiratete sich im Jahr 1909 mit Rosa Klein aus Roth bei Nürnberg, zwei Kinder wurden dem Paar geboren: im Jahr 1910 Sohn Fritz, der bald nach der Geburt verstarb, und 1912 die Tochter Gertrud.

Den Ersten Weltkrieg machte Ludwig Blumenthal vom fünften Mobilmachungstag an, vom 5. August 1914, bis zur Niederlage im November 1918 aktiv mit. Die meiste Zeit war er in der Feldschlächterei eingesetzt, undobwohl das naturgemäß nicht so viele Auszeichnungsmöglichkeiten mit sich brachte, kehrte er nach der Erinnerung seiner Tochter mit dem Eisernen Kreuz und anderen Auszeichnungen zurück. Darüber war die ganze Familie sehr stolz.

Eines der wenigen schriftlichen Zeugnisse zu der Familie stellt die kleine Anzeige aus dem Laupheimer Verkündiger“ vom 6. Juli 1930 dar, in der mehrere Wagen Dung zum Verkauf angeboten werden. Ludwig Blumenthal hatte offenbar keine Verwendung für den in seinem Stall anfallenden Mist, was darauf hindeutet, dass die Familie keine eigenen Grundstücke besaß, im Gegensatz zu anderen, alteingesessenen Viehhändler-Familien, die häufig Grundbesitz hatten und eine eigene Landwirtschaft im Nebenerwerb betrieben.

Gertrud Blumenthal heiratete 1933 den Geschäftsmann Karl Lauchheimer aus Jebenhausen bei Göppingen und zog mit ihm dorthin. Die Ehe blieb kinderlos. Um seinen Beruf ausüben zu können, benötigte Karl Lauchheimer alljährlich eine Reisegenehmigung. Diese bekam er 1938 erstmals nicht mehr ausgestellt, und so beschloss das Paar zu emigrieren. Vater Ludwig, seit 1936 Witwer, entschloss sich mitzugehen, denn auch für Viehhändler wurden die Arbeitsmöglichkeiten immer mehr eingeschränkt. Verwandte in den USA stellten Affidavits aus und so konnte die Emigration noch rechtzeitig im Juli 1938 erfolgen. Um auch ihre Möbel mitnehmen zu können, mussten sie 10 000 Mark Judenbuße bezahlen. Vermutlich konnte Ludwig Blumenthal das Anwesen Kapellenstraße 68 noch halbwegs regulär verkaufen, denn es sind keine Nachkriegs-Restitutionsansprüche oder sonstige Akten zu dem Haus vorhanden.

Für eine Schülerarbeitsgruppe des Carl-Laemmle-Gymnasiums  schrieb Trude Friedlaender im Jahr 1988 ihre Erinnerungen an die Anfänge in den USA und ihren ersten Besuch in der alten Heimat nach dem Krieg auf:

„Die ersten Jahre waren für uns sehr schwer, da wir die Sprache nicht kannten. Für eine Frau war es einfach, Arbeit zu bekommen, nicht jedoch für einen Mann. Das erste Mal kamen wir wieder 1967 in die alte Heimat. Als ich Laupheim sah, sagte ich zu meinem Mann: „Es heimelt mich wieder an.“ Es hat sehr weh getan, als wir Laupheim verließen. Heute sage ich: Die Jugend kann man nicht für die Sünden der Alten verantwortlich machen. Wir sind nun über 50 Jahre in den USA, und man kann einen alten Baum nicht mehr verpflanzen.“

Auch bei der ersten offiziellen Einladung der Stadt an ihre ehemaligen jüdischen Mitbürger im Jahr 1988 waren Trude Friedlaender und ihr zweiter Mann noch dabei. Stets besuchte sie auch die Familie des Dienstmädchens, das bei Blumenthals gearbeitet hatte, denn das Verhältnis zum christlichen Dienstpersonal war wie auch in den meisten anderen jüdischen Häusern vertrauensvoll und eng. Auch die meist überdurchschnittliche Bezahlung wird häufig erwähnt. Schon bei dem Besuch 1988 war Trude Friedlaender nicht mehr bei bester Gesundheit; drei Jahre später verstarb sie.

 

 

Quellen:

Ausstellungskatalog  „Nationalsozialismus in  Biberach", Hrsg.  Frank Brunecker, Museum Biberach, 2006, S. 85 ff.

John-Bergmann-Nachlass, Stadtarchiv Laupheim.

Fotos und Erinnerungen von Trude Friedlaender, Archiv Dr. Bayer.

 

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