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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuchseiten 343 - 349 

LAUPHEIMER, Siegfried,

Metzgerei, Judenberg 22

 

 CHRIST OPH SCHMID

Samuel, genannt Siegfried Laupheimer, geb. 5. 3. 1882 in Laupheim, gest.1955 in New York, USA, [OO Hermine Laupheimer, geb. Laupheimer, geb. 24. 5. 1882 in Laupheim, gest. 31. 1. 1913 in Laupheim], OO Bertha Laupheimer, geb. Laupheimer, geb. am 24. 12. 1889 in Laupheim, Todesdatum in den USA unbekannt.
Kinder aus 1. Ehe:
Alexander Laupheimer, geb. 27. 3. 1907 in München,
Simon Laupheimer, geb. 22. 9. 1909 in Laupheim,
Erna Fanny Laupheimer, geb 21. 12. 1911 in Laupheim,

Kind
aus
2. Ehe:
Hermine Laupheimer, geb. 5. 6. 1919 in Laupheim. 
Emigration der Familie Siegfried Laupheimer 1938/39 in die USA. 




Mittlerer Judenberg: Links (mit Holzstapel) das Haus Siegfried Laupheimers.

  

Zeitungsartikel vom 17. Dezember 1936 im Laupheimer Kurier“

mit der Hetze gegen einige jüdische Metzger in Laupheim.

 

Siegfried Laupheimer hieß eigentlich Samuel. Das war der Name seines Großvaters. Wie dieser und der eigene Vater Alexander, der bereits schon 1907 starb, ergriff auch er das Metzgerhandwerk.

Siegfried entstammte der anderen großen Familienlinie mit dem Namen Laupheimer innerhalb der Geschichte der jüdischen Gemeinde Laupheims. Beide Linien reichen zurück auf den gemeinsamen Ururgroßvater Joseph Laupheimer, der 1817 gestorben ist und dessen Grab sich auf dem jüdischen Friedhof an der Stelle N-3/11 befindet. Möglicherweise war er der mit diesem Namen in alten Akten verzeichnete Vorsteher der damals noch jungen Gemeinde um 1760. Da in beiden Linien sehr viele männliche Nachkommen den Metzgerberuf ausübten, ist sehr wahrscheinlich, dass er diese Tradition begründet bzw. schon von Vorväterseite bekommen und weitergegeben hat. Mit dem Amt des Vorstehers würde sich dies gut vereinbaren lassen, denn es war auf Grund der besonderen Speisegebote eine bedeutsame, vertrauensvolle Tätigkeit. Aus den beiden Söhnen Michael und Alexander gingen dann im weiteren Verlauf die zwei Familienlinien hervor. Siegfried Laupheimer war ein Nachkomme der Alexander-Linie. Es ist allerdings interessant zu sehen, dass es durch seine Heirat in der letzten in Laupheim leben- den Generation zu einer Wiederverbindung gekommen ist. Und dies wie zur ausdrücklichen Bestätigung sogar in doppelter Weise. Denn nach dem Tod der ersten Frau Hermine, die der anderen Laupheimer- der sogenannten Michael- Linie angehörte und damit auch ihren Geburtsnamen in der Ehe nicht ändern musste, heiratete Siegfried deren jüngere Schwester Bertha. Siegfried übernahm das väterliche Haus am Judenberg 13, welches an das Totenhaus des jüdischen Friedhofs anschloss.

Schon 1901, im Alter von 19 Jahren, heiratete er die ebenfalls 19jährige Hermine Laupheimer. Der Ehe entstammten noch vor dem Ersten Weltkrieg die drei Kinder Alexander, Simon und Erna. Doch Hermine starb am 31. Januar 1913 und wurde an der Grabstelle S-2312 des benachbarten Friedhofs beerdigt. Im Sommer heiratete Siegfried zum zweiten Mal die Schwester der ersten Frau Bertha Laupheimer. Möglicherweise hatte sie sich bei den Geburten schon viel um die Kinder gekümmert.

Bereits im August 1914 musste dann Siegfried Laupheimer zum Kriegsdienst in das Württembergische Infanterie-Regiment 478 einrücken. Sein Standort war Heilbronn und er diente als Landwehrmann. Wie aus den Unterlagen hervorgeht, machte er die schweren Schlachten in der Champagne, bei Verdun und die Offensive 1918 an der Somme mit. Als Auszeichnungen erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse und die Verdienstmedaille III. Klasse. Am 17. November 1918 wurde er wieder entlassen.

Gleich nach dem Krieg, am 5. Juni 1919, konnten Siegfried und Bertha Laupheimer sich über die Geburt einer Tochter freuen. Sie bekam den Namen Hermine, ganz offensichtlich zu Ehren der ersten Frau und gleichzeitigen Schwester der Mutter.

In der Nachkriegszeit ging Siegfried Laupheimer sofort wieder dem Metzgergewerbe nach. Dazu standen ihm auch Räumlichkeiten im Erdgeschoss des gegenüberliegenden kleinen Hauses in der Mitte des Judenberges zur Verfügung. Es gehörte der Schuhmacherfamilie Gut, die es im Obergeschoss bewohnte. Die Wohnung war bis zum späteren Umbau nur über eine hölzerne Außentreppe zu erreichen. Zum Ausfahren des Fleisches so wird berichtet war dem kleinen Wagen sein kräftiger Hund vorgespannt. Auch als Viehhändler scheint sich Siegfried Laupheimer betätigt zu haben.

Im Jahr 1927 konnte er den Meistertitel für seine Metzgertätigkeit erwerben, wie im Laupheimer Verkündiger“ vom 25. Februar des betreffenden Jahres öffentlich gemacht wurde. Im Dezember 1936 wurde er von den NS-Behörden in einer größeren Kampagne mit Betrugsvorwürfen um Fälschungen von Wiegekarten und dem Verdacht von Steuerhinterziehung belastet.

Er und sein Sohn, der in der Zeit des Nationalsozialismus als Metzgergeselle bei ihm tätig war, scheinen unter den anderen Beschuldigten die Hauptzielscheibe der Nazi-Angriffe gewesen zu sein. Die deutliche antisemitische Tendenz, die aus den Informationen der gleichgeschalteten Presseorgane, allen voran die Ulmer Ausgabe des Propagandablattes „Der Stürmer“ hervorgeht, lassen die Vorwürfe als gering bzw. gegenstandslos erscheinen.

 

Das Haus von Schuhmacher Gut.

Die Vorwürfe und die verhängten Strafen trugen wohl entscheidend dazu bei, dass in der Familie nun ernsthaft und dringlich die Auswanderung erwogen wurde. Simon Laupheimer emigrierte schon im Januar 1938 in die USA. Der Vater verkaufte unter dem großen Druck, der immer stärker wurde, im gleichen Jahr das Wohnhaus samt den übrigen Geschäftsräumlichkeiten und folgte dem Sohn nach. Allmählich kamen seine Frau Bertha und die restlichen Kinder nach.

Am 31. Mai 1939 schrieb er aus New York einen Brief an seinen Freund und Metzgerkollegen Xaver Glass in Laupheim. Darin blickt er auf die gemeinsame, auch lange gute Zeit zurück. Er schreibt: 

„Lieber Freund Glass mit Familie!
Nachdem ich vergangene Woche David Löwenthal am Schiff abgeholt und am Sonntag denselben wieder getroffen habe und derselbe mir von alten Bekannten Grüße bestellt hat, will ich nicht mehr zögern, um an Dich, werter Freund, einige Zeilen zu schreiben.
Also es geht Dir und Deiner Familie gesundheitlich gut, dasselbe ich von mir und all meinen Lieben auch mitteilen kann. Ich denke und spreche noch viel von Euch allen und freue mich heute noch, dass wir so gut miteinander ausgekommen sind. Ich glaube, wenn die Zeiten und die Menschen sich nicht geändert hätten, wir zwei noch heute zusammen arbeiten würden.

 

Es folgen Beschreibungen und Schilderungen des neuen Lebens und ausführliche Angaben über die Verhältnisse im Metzgergewerbe der USA zu jener Zeit.

Wir haben eine schöne Wohnung mit Gasherd, elektrischen Kühlschrank und fließend warmes und kaltes Wasser in der Küche. Hier braucht man kein Holz, denn alles hat Dampfheizung. Unser Simon arbeitet noch in der gleichen Wurstfabrik in Washington, die machen in einem Tag 10 000 Stück Wurst größtenteils Saitenwürste . . ."

Siegfried Laupheimer starb im Jahr 1955 in New York. Seine Ehefrau Bertha lebte weiterhin in New York. Ihr Todesjahr ist nicht bekannt.

Für die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem füllte sie einige Erinnerungsblätter für die Opfer der NS-Diktatur aus , darunter auch von früheren Nachbarn und Verwandten aus Laupheim.

 

Alexander Laupheimer

Alexander war das erste Kind aus Siegfried Laupheimers Ehe mit Hermine Laupheimer. Ungewöhnlich ist sein Geburtsort. Unter allen Geschwistern wurde er nicht in Laupheim, sondern in München geboren. Vielleicht gab es dorthin verwandtschaftliche Beziehungen. Viel ist über sein Leben nicht bekannt. Als Berufs- bezeichnung wird für Alexander Laupheimer Kaufmann angegeben. Als 17- Jähriger hat er bei einem Konzert den Männergesangverein ConcordiaLaupheim am Klavier begleitet. Bei dem gleichen Konzert trat als Solosänger sogar ein Fürst von Urach und Graf von Württemberg auf. In der nachfolgenden Besprechung im Laupheimer Verkündiger“ wird Alexander Laupheimer großes Talent bescheinigt. Es heißt dort am 8. Februar 1924:

 

„Den Walzer ,Am Wörthersee' begleitete der junge Herr Alexander Laupheimer präzis, wacker und tapfer. Er scheint musikalisch gut veranlagt zu sein und ein ausgeprägt rhythmisches Gefühl zu besitzen.“
 

Bezeichnend am Programm wie an der Besprechung ist, dass sie ein harmonisches und selbstverständliches Miteinander der Akteure unterschiedlicher Religion erkennen lässt, zumal die Gesamtleitung des Abends ganz in der Hand des langjährigen jüdischen Kantors Emil Dworzan lag, der für seine Leistung ausdrücklich gelobt wurde.

Wahrscheinlich hat er später nicht mehr in Laupheim gewohnt. 1936 kehrte er aus Düsseldorf zurück und emigrierte bald darauf in die USA.

 

Simon Laupheimer

Als Berufsbezeichnung wird Kaufmann angegeben. Er kam aber im März 1933 aus Köln-Lindenthal nach Laupheim. Wie der Verleumdungsprozess gegen seinen Vater nahelegt, hat er ihm während der NS-Zeit als Metzgergeselle gedient. 1938 konnte er nach Amerika emigrieren. Für eine Sammlung von Zeugnissen des Schicksalsweges jüdischer Menschen aus Württemberg während der nationalso- zialistischen Zeit gab er später über sich und die Familie folgende Auskunft:

 „Ich bin 1909 in Laupheim geboren. Mein Vater Siegfried Laupheimer, 1882 geboren, war Metzger in Laupheim; er starb 1955 in New York. Meine Mutter lebt in der 701 West 180th Street in New York City. Meine Frau kam 1908 in Königsbach/Baden zur Welt. Wir heirateten 1940 und haben keine Kinder.
Ursprünglich war ich Kaufmann in Laupheim. Später wurde ich Metzger und besaß 20 Jahre lang in Washington, D.C. ein Restaurant. Wir leben in dieser Stadt und sind in der Adas Israel-Synagoge und Achduth-Organisation in Washington aktiv. Meine Frau betätigt sich auch sehr in der Altenarbeit von Hadassah.“
 

Erna Fanny Laupheimer

Über die Tochter Siegfried Laupheimers Erna Fanny ist nicht viel bekannt. Sie wird als Kinderfräulein bezeichnet.

Da sie am 24. Juni 1938 aus London zurückkehrte, ist anzunehmen, dass sie über einen längeren Zeitraum dort lebte und tätig war. In einem Schreiben des Bürgermeisteramtes wird festgestellt, dass sie in Laupheim nur so lange bleiben wollte, bis der Vater aus der Untersuchungshaft zurückkommen konnte. Bald darauf, am 21. Januar 1939, zog Erna Laupheimer wieder nach London und übersiedelte noch im gleichen Jahr in die USA.

 

Hermine Laupheimer

Hermine stammt aus der zweiten Ehe von Siegfried Laupheimer und ist das einzige Kind seiner Frau Bertha. Bertha wird als „Haustochter“ bezeichnet. Eine Zeit lang muss sie in München gelebt haben, denn von dort kam sie am 1. Juli 1936 wieder zurück. Ein Jahr später, am 20. Juli 1937, emigrierte sie nach New York in den USA, wo sie bald wieder mit den Eltern und Geschwistern zusammen war.

Damit konnten alle Angehörigen dieser jüdischen Familie Laupheimer der Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten über den Weg der Auswanderung in die USA entgehen.

 

Adolf Alexander Laupheimer, genannt Jossel“

Deportiert am 22. 8. 1942 aus Dellmensingen nach Theresienstadt.

Über Adolf Alexander Laupheimer ist wenig bekannt. Bertha Laupheimer, die zweite Ehefrau von Siegfried Laupheimer, füllte für ihn ein Gedenkblatt für die Erinnerungsstätte Yad Vashem in Israel aus.

Nach ihren Angaben wurde er auch Jossel“ genannt. Die Eltern waren Josef Laupheimer und seine Ehefrau Jette, geb. Rödelheimer. Es kann allerdings nur die Grabstätte des Vaters auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim an der Stelle N -1/9 ausgemacht werden. Von ihm wird angegeben, dass er Metzger und Wirt der jüdischen Gaststätte „Zum Kronprinz“ gewesen ist.

Der Sohn Adolf Alexander war nicht verheiratet. Es ist auch nicht sicher, ob er die meiste Zeit seines Lebens in Laupheim verbracht hat.

Vor der Deportation war er im jüdischen Altersheim in Dellmensingen untergebracht. Es ist anzunehmen, dass er von dort aus deportiert wurde, da er auf der Liste der Opfer aus Laupheim vom 19. 8. 1942 nicht aufgeführt ist. Als sein Todesdatum in Theresienstadt wird der 13. Oktober 1942 angegeben.

Sein Name steht auf der Gedenktafel am jüdischen Friedhof in Laupheim.

 

 

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