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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 337 - 342

Die Geschwister LAUPHEIMER

Kapellenstraße 30

 

CHRIST OPH SCHMID

Regina Laupheimer geb. am 4. 1. 1868 in Laupheim, deportiert am 19. 8.1942 von Laupheim nach Theresienstadt.
Adolf Laupheimer, geb. am 29. 8. 1870 in Laupheim, deportiert am 19. 8.1942 von Laupheim nach Theresienstadt.
Frieda Laupheimer, geb. am 28. 10. 1872 in Laupheim, deportiert am 19. 8.1942 aus Laupheim nach Theresienstadt.
Emma Laupheimer, geb. 3. 8. 1874 in Laupheim, deportiert am 19. 8. 1942 aus Laupheim nach Theresienstadt.
Lina Richter, geb. Laupheimer, geb. 13. 10. 1875, deportiert am 19. 8. 1942 von Laupheim nach Theresienstadt.
Mina Spengler, geb. Laupheimer, geb. am 8. 2. 1877 in Laupheim, Todesdatum unbekannt.
Sigmund Laupheimer, geb. 12. 2. 1880 in Laupheim, angegebenes Todesdatum 9. 12. 1938 im Konzentrationslager Dachau.
Sara Laupheimer, geb. Stern, geb. 19. 6. 1851 in Oberdorf, gest. am 17. 3.1933 in Laupheim. 

Regina Laupheimer

Regina Laupheimer wurde wahrscheinlich nach ihrer Großmutter Regina Bernheim, die in Buchau am Federsee lebte, benannt, und weil zudem das erste Kind ihrer Mutter Bertha Laupheimer, geb. Bernheim, schon den gleichen Namen erhalten hatte, jedoch im Geburtsjahr oder sogar schon bei der Geburt bereits verstorben ist.

Über ihre Kindheit und Jugendzeit ist nichts Wesentliches bekannt. Als spätere Berufsbezeichnung von Regina Laupheimer wird „Haushaltsgehilfinangegeben. Wahrscheinlich ist sie schon früh, jedenfalls schon vor dem Jahr 1933, nach Ludwigsburg verzogen, da sie in den Laupheimer Einwohnerverzeichnissen nicht mehr aufgeführt wird. Erst am 12. Dezember 1938 kehrt sie hierher zurück. Sie wohnte im notdürftig zum Altersheim umgestalteten früheren Rabbinatsgebäude und wurde von dort mit dem letzten Transport am 19. August 1942 aus Laupheim nach Theresienstadt deportiert.

Mit einem weiteren Transport, am 26. September 1942, wurde sie in das große Konzentrations- und Vernichtungslager Treblinka gebracht und dort im Alter von 74 Jahren ermordet.

  

Adolf Laupheimer

Nach seiner Kindheit und Jugendzeit in Laupheim, über die nichts bekannt ist, erlernte er den Beruf des Kaufmanns und heiratete am 26. Mai 1912 Isabella Weil aus Haigerloch. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor: Manfred Laupheimer wurde am 13. November 1912 in Laupheim geboren, Willy Laupheimer am 8. November 1915 in Tübingen. Vom zweiten Sohn Willy wird berichtet, dass er schon im Alter von neun Jahren im Oktober 1925 in Haigerloch ertrunken sei.

Als Soldat zum Ersten Weltkrieg wurde Adolf Laupheimer erst spät, am 4. März 1918, einberufen und einem Feldartillerie-Regiment zugewiesen. Er scheint aber nicht mehr an größeren Kampfhandlungen beteiligt gewesen zu sein und wurde am 18. November 1918 entlassen.

Später wurde die Ehe mit Isabella Weil geschieden. Seine Kinder waren wohl nicht mehr in Laupheim ansässig. Vom ersten Sohn Manfred ist bekannt, dass er während der NS-Zeit nach Amerika emigrieren konnte. Nach dem Krieg beteiligte er sich zusammen mit seiner Nichte Elsa Block, geb. Grab, an den Restitutionsverfahren, um das Haus und die Vermögensverhältnisse der bei der Verfolgung und Ermordung umgekommenen Verwandten.

Adolf Laupheimer war während der Zeit des Nationalsozialismus wieder in Laupheim wohnhaft. Später zählte er zu den Bewohnern des jüdischen Altersheims im früheren Rabbinatsgebäude. Er wird mit der Deportation am 19. August 1942 nach Theresienstadt gebracht. Von dort wird er schon wenige Wochen später mit dem Transport Bs 29. 9. 1942 nach Treblinka transportiert und dort ermordet.

 

Frieda Laupheimer

Über Frieda Laupheimer war kaum etwas zu erfahren: Wenige Monate vor ihrer Geburt starb die ein Jahr zuvor geborene Schwester Pauline. Frieda wird als „Haustochter“ bezeichnet und dürfte bis zu Umsiedlung in die Wendelinsgrube im elterlichen Haus gewohnt haben. Vom Barackenlager Wendelinsgrube wird sie am 19. August 1942 von Laupheim mit ihren anderen vier Geschwistern nach Theresienstadt und mit einem weiteren Transport Br 26. 9. 1942 nach Treblinka gebracht und dort ebenfalls ermordet.

 

Emma Laupheimer

Über die Kindheit und Jugendzeit von Emma ist wie bei den anderen Geschwistern nichts bekannt. Der Laupheimer Chronist August Schenzinger erwähnt sie in einem Eintrag in seinen Tagebuchaufzeichnungen am 20. Juli 1914:

 

„Das Michael Laupheimer'sche Haus, welches im Jahre 1724 mit der Häuserreihe Nr. 23–28 von der Herrschaft von Welden erbaut worden war, steigt heute als Neubau vier Stockwerke hoch empor als Zierde des ,Judenbergs’, nachdem alle Bemühungen, dieses Gebäude in die richtige Hausfront zu stellen, mißlungen waren. Das Ehrenvollste ist für die Tochter Emma, dass sie die Kosten trägt“.

 

Mit 40 Jahren war ihr also die Finanzierung dieser großen Baumaßnahme am elterlichen Haus möglich. Bislang hatte es die gleiche einfache Form wie die übrigen Häuser des Judenberges. Mit dem Giebelanbau reihte es sich gut in die Häuserfront der Kapellenstraße ein.

Aus dem Schriftwechsel und den gerichtlichen Verfahren der Nachkriegszeit geht hervor, dass sie als Haupteigentümerin des Hauses eingetragen war. Emmas Berufsbezeichnung wird mit Kauffrau angegeben. Sie hat damit als einzige der Töchter eine höher qualifizierte Ausbildung besessen.

Zeitweilig hat sie aber auch außerhalb Laupheims gelebt, wohl in Ludwigsburg, wo schon die ältere Schwester Regina wohnhaft war. Von dort aus kehrte sie am 11. Nov. 1939 zurück. Aus dem Lager in der Wendelinsgrube wurde sie im August von Laupheim nach Theresienstadt und am 26. September 1942 weiter nach Treblinka deportiert und dort ermordet.

 

Ansicht des Laupheimerschen Hauses vor dem Umbau. 

 

 

Lina Richter, geb. Laupheimer

Lina Laupheimer heiratete den Kaufmann Otto Richter aus Hannover. Wahrscheinlich hat sie auch dort bis zu dessen Tod im Jahre 1939 gelebt. Als Witwe kehrte sie Ende des gleichen Jahres nach Laupheim zurück. Allerdings wird diese Rückkehr als Zuzug aus Ludwigsburg vermerkt, was möglicherweise mit den beiden anderen dort ansässigen Schwestern zusammenhängt.

Auch Lina Richter musste im Barackenlager der Wendelinsgrube wohnen. Auf einem erhaltenen Dokument ist die polizeiliche Erlaubnis für sie zu einer Fahrt nach Ulm im Dezember 1941 verzeichnet. Der Grund und das genaue Ziel dieser Reise sind nicht bekannt. Wohl aber können die schwierigen Begleitumstände der Fahrt an diesem Wintertag ermessen werden.

Schon allein die Tatsache, dass für eine solche kurze Fahrt eine schriftliche Erlaubnis notwendig war und unter sehr strengen Bedingungen und Auflagen vor sich gehen musste, weist auf die bedrückenden Begleitumstände hin. Kurz zuvor waren die ersten Angehörigen der jüdischen Laupheimer Gemeinde vom selben Bahnhof aus deportiert worden, zu dem die bereits 67jährige von der Wende- linsgrube nun zu F gehen musste. Vielleicht durften sie ihre Mitbewohner bis dorthin begleiten.

Deutlich hatte sie an der Kleidung wohl am Wintermantel den gelben Stern zu tragen, der sie für alle übrigen Reisenden oder Passanten als jüdische Frau kennzeichnete und abgrenzte. Mit Einbruch der Dunkelheit musste sie wieder in der Wendelinsgrube zurück sein.

Polizeiliche Reiseerlaubnis für Lina Richter vom 9. Dezember 1941.

Bei der letzten Deportation im anschließenden Sommer, am 19. 8. 1942, musste sie mit den verbliebenen jüdischen Menschen in Laupheim erneut den Zug am Westbahnhof besteigen. Dieses Mal war es ein Abschied für immer und die Fahrt in den Tod. Über das Sammellager am Stuttgarter Killesberg brachte sie ein Transport nach Theresienstadt. Sie blieb in den als Konzentrationslager genutzten Kasernen der böhmischen Stadt und starb am 21. 11. 1943 an den unmenschlichen Bedingungen der dortigen Verhältnisse.

 

Mina Spengler, geb. Laupheimer

Mina Laupheimer ist die einzige unter ihren Geschwistern, die auf einem erhaltenen Klassenfoto der jüdischen Volksschule zu sehen ist.

Am 27. Mai 1919 heiratete sie Adolf Spengler aus Bad Cannstatt. Sie wird dorthin verzogen sein, denn in Laupheim ist sie fortan nicht mehr gemeldet.

Zum Bau eines Eigenheimes erhielt Adolf Spengler ein Darlehen von Minas Schwester Lina Richter. Es war später Gegenstand bei den Wiedererstattungsverhandlungen um das elterliche Haus in Laupheim. Er selbst beteiligte sich von Bad Cannstatt aus in der Nachkriegszeit an diesen Verhandlungen. Wie er die Zeit des NS- Regimes überstanden hat, ist unbekannt. Es könnte auch sein, dass er nicht jüdischer Herkunft war. Da er jedoch als Erbe seiner Ehefrau auftritt und diese nicht unter den Opfern der nationalsozialistischen Herrschaft verzeichnet ist, kann angenommen werden, dass Mina schon vor den Verfolgungs- und Vernichtungsmaßnahmen verstorben ist. Damit wäre sie unter den acht erwachsenen Geschwistern die einzige, die nicht durch die Willkürmaßnahmen der Nationalsozialisten zu Tode gekommen ist.

 

Sigmund Laupheimer

Sigmund Laupheimer trug auch den Beinamen Marum. Dies war eine Reminiszenz an den Großvater Marum Marx Laupheimer. Und wie dieser vor ihm setzte Sigmund in seiner Generation die Familientradition des jüdischen Metzgergewerbes fort.

Nach Berichten ging er seiner Tätigkeit als Metzger hauptsächlich im Schlachthaus nach. Berichten zufolge soll er Fleisch und Wurst in Laupheim und den umliegenden Ortschaften ausgefahren haben.

Doch spätestens mit dem Umbau des Elternhauses stand ihm dafür ein Laden neben dem Schuhgeschäft der Schwester zur Verfügung. Dies macht auch seine Anzeige im Laupheimer Verkündiger“ vom 17. Juli 1924 deutlich. Darin bezeichnete er sich wohl nicht ohne Grund als Metzgermeister und offensichtlich war bei der Adressenangabe gar keine Hausnummer nötig, was für seine allgemeine Bekanntheit sprach.

(„Laupheimer Verkündiger“ vom 17. 7. 1924)


Auffallend ist, dass er als jüdischer Metzger den Samstag, den Tag des Schabbat, zum Verkauf nutzte. Vielleicht war dies in den 1920er Jahren allgemein übliche Praxis geworden.

Während des Ersten Weltkriegs wurde er vom August 1915 bis zum November 1918 zum Militärdienst herangezogen. Er scheint allerdings nur in der Garnisonsstadt Ulm stationiert gewesen zu sein.

Im Dezember 1936 wurden ihm von den nationalsozialistischen Behörden mit anderen, vor allem jüdischen Metzgern in Laupheim, betrügerische Methoden vorgeworfen. Da jedoch die Vorwürfe in der lokalen Presse, allen voran in der Ulmer Ausgabe des NS-Hetzblattes „Der Stürmer“ mit unflätiger antisemitischer Polemik umgeben sind, ist den Anschuldigungen wenig, wenn überhaupt Wahrheitsgehalt beizumessen. Die nachfolgenden Verurteilungen machten allerdings die große Gefahr, in der sich die jüdischen Menschen, insbesondere aber die Gewerbetreibenden, sich inzwischen befanden, deutlich. Sie vergrößerte sich im Laufe der Zeit jedoch zusehends.

Zwei Jahre später, in der Zerstörungsnacht vom 9. auf den 10. November 1938, wurde Sigmund Laupheimer mit 16 anderen jüdischen Männern aus Laupheim verhaftet und zur „Schutzhaft in das Konzentrationslager Dachau verbracht. Dort erhielt er die Häftlingsnummer 22519. Während die anderen Männer innerhalb einiger Wochen wieder zurückkehren konnten, war er nicht dabei.

Als sein Todesdatum wird in den Dokumenten des Lagers der 9. Dezember 1938 angegeben. Berichte besagen, dass er im Außenlager Prittlsbach von der Lagerbesatzung erschlagen wurde. Damit ist er eines der ersten Opfer direkter physischer Gewalt seitens der Nationalsozialisten aus Laupheim.

 

Sara Laupheimer, geb. Stern

Sara Laupheimer war eine Tante der Geschwister Laupheimer aus der Kapellenstraße. Sie stammte aus Oberdorf, wo sie am 19. Juni 1851 geboren wurde. Sie war die zweite Frau des Metzgers Simon Max Laupheimer, der bereits 1904 verstarb und auf dem jüdischen Friedhof (N 18/6) begraben ist.

Sara Laupheimer lebte als Witwe bis zum 17. 3. 1933 in Laupheim und ist an der Grabstelle S 27/10 auf dem jüdischen Friedhof beerdigt.

Aus ihrer Ehe mit Simon Laupheimer ging ein gemeinsamer Sohn hervor. Jakob wurde am 2. 8. 1890 in Laupheim geboren. Er musste von hier aus noch zum Einsatz im Ersten Weltkrieg als Luftschiffer einrücken, wie aus den Aufzeichnungen hervorgeht. Er diente damit bei den zum Kriegsdienst eingesetzten Zeppelinen. Die riesigen, langsamen Luftfahrzeuge wurden allerdings bald von den kleineren, aber wendigeren Flugzeugen abgelöst. Für seine Verdienste bei den Kampfhandlungen bei Arras und in der Champagne wurde er mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.

Jakob Laupheimer war verheiratet. Nach dem Ersten Weltkrieg dürfte er jedoch bald aus Laupheim weggezogen sein. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Es ist nur noch sein Todesdatum erhalten. Er starb am 30. 3. 1965 in Berlin-Schöneberg. Wo und wie er die NS-Diktatur überlebte, ist unbekannt.

 

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