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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

  Gedenkbuch Seiten 354 - 357

LÖVINGER, Josef, Anna, Berta

Kapellenstraße 26

 

KARL NEIDLINGER

Josef Lövinger, geb. 20. 5. 1869 in Laupheim, ledig, gest. 6. 11. 1936 in Laupheim,
Anna Lövinger, geb. 1.11. 1876 in Laupheim, ledig, deportiert am 19. 8.1942 nach Theresienstadt, ermordet am 26. 9. 1942 im KZ Treblinka.

T
ochter von Anna:
Berta Lövinger, geb. 10. 9. 1898 in Zürich, ledig, ermordet am 1. 12.1941 im KZ Riga. 

 

Die meisten Mitglieder dieser Familie sind in den Jahren 1850 bis 1890 nach Übersee ausgewandert und dadurch den Verfolgungen des Nazi-Regimes entgangen. (. . .) Der Weggang aus der Heimat gab ihnen die Möglichkeit, im freien Amerika eine neue Existenz zu gründen, denn dort besaßen die Juden bereits seit dem Inkrafttreten der Verfassung von 1789 volle Gleichberechtigung. (. . .) Die Nachkommen dieser Neueinwanderer nehmen heute im wissenschaftlichen, religiösen, politischen und wirtschaftlichen Leben zum Teil beachtenswerte Stellungen ein.
(Zitat aus: Ludwig Kahn, Die Familie Lövinger aus Laupheim. In: Deutsche Zeitschrift für Familienkunde, Heft 1/1967.)
 

Ludwig Kahn, selbst ein Nachkomme der Laupheimer Lövinger-Familie, publizierte die ausführliche Version seines familienkundlichen Aufsatzes in Englisch in den USA. Die deutsche Version in der genannten Zeitschrift ist stark gekürzt. Sie bringt wertvolle allgemeine Informationen zu der Familie, aber leider fast nichts zu den letzten Laupheimer Lövingers, den Geschwistern Josef und Anna sowie ihrer unehelichen Tochter Berta. Nur ein einziges, schlechtes Foto gibt es von dem Shoa-Opfer Anna, nichts von Berta Lövinger; Zeitzeugen-Erinnerungen und sonstige Quellen schweigen sich zu ihnen aus. Das liegt sicher auch an der hohen Mobilität, die diese Familie insgesamt kennzeichnet und die auch Anna und Berta Lövinger immer wieder aus Laupheim wegführte.

Die Eltern von Josef und Anna hießen Isak Lövinger (1834–1899) und Helene Lövinger (1838–1909), beide sind in Laupheim geboren und Cousin und Cousine. Isak wanderte im Jahr 1854 nach Amerika aus, Helene 1857 und am 3. April 1859 heirateten die beiden in St. Louis/Missouri. Der mittlere Westen der USA, Dakota, Minnesota oder Missouri waren die bevorzugten Auswanderungsziele dieser Großfamilie. Die beiden ersten Kinder der Familie, Leon-Lazarus (1860) und Sibylle (1862), kamen noch in den USA zur Welt, doch 1862 zogen Isak und Helene wieder nach Laupheim zurück. Sie wohnten wieder in dem ange- stammten Haus Kapellenstraße 26, dem mittleren der drei großen Judenberg-Häuser (auch das Stammhaus der Bergmanns, Foto Seite 54), wo die Lövingers wohl schon seit den Anfängen einen Teil besaßen. Hier wurden dann bis zum Jahr 1876, als Anna, die Jüngste, zur Welt kam, elf weitere Kinder geboren, von denen jedoch sieben bald nach der Geburt starben.

 

Die Kinder:

Leon-Lazarus, der Älteste, wurde Lehrer und starb 37jährig im Jahr 1897 in Bad Schussenried. Amalie (1865), das vierte Kind, heiratete in die Schweiz und starb 32jährig 1897 als Amalie Bollag in Endingen/Aargau.

Josef, das siebte Kind, blieb in Laupheim. Sein Beruf wird mit „Handelsmannangegeben, er hatte stets dieselbe Adresse, blieb ledig und in späteren Jahren führte seine jüngste Schwester Anna ihm den Haushalt. Als er 1936 starb, erhielt sein Grabstein, wie mehrere andere der Familie, eine Levitenkanne als Symbol. Denn der Familienname Lövinger ist von Levi abgeleitet, er ist kein Herkunftsname einen Ort Lövingen gibt es nicht –, sondern quasi eine Eindeutschung eines israelitisch klingenden Namens. Es kommen auch die Schreibweisen Levinger, in den USA auch Loevinger oder Lovinger vor, ein Laupheimer Levi benannte sich um 1800 sogar in „Löffler“ um. Insgesamt gibt es noch 44 Grabsteine mit diesen Namen auf dem Laupheimer Friedhof ein deutliches Zeichen für die Größe und Bedeutung dieser alten, wohl seit 1760 hier heimischen Familie.

Das elfte Kind war die Tochter Ida (1873), sie wanderte ebenfalls schon als junges Mädchen nach den USA aus. Als Ida Witmondt stellte sie nach dem Krieg einen Restitutionsantrag zu dem Hausanteil von Kapellenstraße 26, dem 1955 stattgegeben wurde. Max Kahn-Longini aus Basel, sicher ein Verwandter des Familienforschers Ludwig Kahn, hatte die Restitutionsverhandlungen für seine US-Verwandtschaft geführt.

Anna, das dreizehnte und letzte Kind der Familie, ist als neun- oder zehnjährige Grundschülerin auf dem Schulfoto mit dem Lehrer Ascher zu entdecken.

Wie ihr Leben nach der Schule weiterging, warum sie in Zürich war, als sie 1898 ihre Tochter Berta gebar, welchen Beruf sie ausübte, wann sie wieder nach Laupheim zurückkam, sind alles Fragen, die offen bleiben müssen. Die Tochter Berta war erst seit 1928 in Laupheim in der Kapellenstraße 26 gemeldet, und dann wieder mit diversen Unterbrechungen, Anna hatte jedoch stets hier ihren Wohnsitz. Schon ab September 1936 wohnte Berta aber in einer Baracke der Wendelinsgrube, vermutlich noch nicht gezwungenermaßen wie später alle anderen jüdischen Bewohner. Im Oktober 1941 musste auch ihre Mutter Anna dorthin umziehen, doch sie konnten nur noch kurze Zeit dort zusammen wohnen: Berta wurde der ersten Deportation nach Riga am 28. November 1941 zugeteilt und dort schon bald nach der Ankunft ermordet.


Anna Lövinger, Schülerin der israelitischen Volksschule,1884/85.

(Foto: Leo-Baeck-Inst. NY)


 

 

 Die Notwohnsiedlung "Wendelinsgrube" auf einem Planauszug des Jahres 1936.

(Archiv Robert )

 

Die Notwohnsiedlung Wendelinsgrube

Im ausgebeuteten vorderen Teil der Kiesgrube Wendelinsgrube“, westlich der Stadt zwischen der Straße zum Westbahnhof und der Eisenbahnlinie gelegen, hatte die Stadt Laupheim seit 1927 Wohnbaracken errichtet, um sozial Schwache und Wohnunglose dort unterbringen zu können. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, als die Not am größten war, hatte man diese Personen in ausrangierten Eisenbahnwaggons einquartiert, die dort auf einem Seitengleis abgestellt waren. Die große Wohnungsnot wurde in der Zwischenkriegszeit nie wirklich behoben und wie der Planauszug aus dem Jahr 1936 zeigt, waren bis dahin elf hölzerne Baracken, die weder Wasser- noch Stromanschluss hatten, errichtet worden. Wer von Armut und sozialem Abstieg bedroht war, zu dem sagte man in Laupheim damals: Pass auf, sonst kommst noch in die Wägen“, womit die Wendelinsgrube mit ihrem Anfang als halbmobile Waggon-Siedlung“ gemeint war.

Berta Lövinger war wahrscheinlich die erste jüdische Bewohnerin dieser Baracken. Ab 1939 ging der Staat jedoch systematisch daran, den Juden ihre Häuser und Wohnungen wegzunehmen und sie in Sammelunterkünfte einzuweisen. Anna Lövinger konnte noch relativ lange, bis Oktober 1941 in ihrer eigenen Wohnung bleiben, die meisten Juden mussten ihre Häuser schon früher verlassen. Viele hat- ten schon mehrere Umzüge hinter sich, ehe sie dann aus diesen Sammel- unterkünften nach Osten deportiert wurden. Auch Anna Lövinger wurde aus der Wendelinsgrube am 19. August 1942 mit allen anderen Bewohnern nach Theresienstadt deportiert. Doch auch dort durfte sie nicht bleiben, sondern wurde vier Wochen später in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt, wo sie in der Gaskammer ermordet wurde.

 

 

 

Quellen:

Staatsarchiv Sigmaringen, 126/2.

Kahn, Ludwig: Die Familie Lövinger aus Laupheim/Württemberg. Ein Beitrag zur deutsch-jüdischen Auswanderung. In: Deutsche Zeitschrift für Familienkunde, Heft 1, Jan. 1967, Neustadt/Aisch, S. 535-542. John-Bergmann-Nachlass, Reel 1, Box 2, Stadtarchiv Laupheim.

 

 

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