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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

  Gedenkbuch Seiten 358 - 364

LÖWENTHAL, Ludwig, "Louis",

Stadtrat und Hopfenhändler, Kapellenstraße 65

 

ROBER T E ß

[Ludwig Louis Löwenthal  geb. 3. 10. 1850 in Laupheim        OO  gest. 30. 5. 1918 in Laupheim] [Mathilde Löwenthal, geb. Löwenthal geb. 12. 1. 1857 in Laupheim gest. 7. 7. 1929 in Laupheim]
Selmar (Sepper) Löwenthal, geb. 30. 3. 1878 in Laupheim, Emigration in die USA.
Irma Löwenthal, geb. 1879 in Laupheim. 


Ansicht der Wohnhäuser und des Hopfenmagazins von M. Löwenthal und Sohn.

Zeichnung von Johann Anton Brenner, Günzburg, 1877.

(Aus Alt-Laupheimer Bilderbogen, Bd. 2, S. 289)

Briefkopf von Marx Löwenthal

(Archiv: Michael Schick)

 

Louis Löwenthal

Stammte aus einer alteingesessenen Familie. Bereits sein Urgroßvater Isak starb 1834, 96jährig, in Laupheim und wurde dort begraben. Die Vorfahren kommen aus Buchau oder Aulendorf. Die jüdische Gemeinde Aulendorf hörte im Jahre 1696 auf zu existieren. Die meisten zogen nach Buchau.

Isak-Sekel Levy (1738–1834) ist der Urahne. In der „Beisitzer“-Liste von 1828 (Nr. 92) wird er als „Nestor“ der jüdischen Gemeinde genannt. Als die Juden 1828 gezwungen wurden, sich Nachnamen zuzulegen, nahm er den Namen Löwenthal an und sein Bruder Josef den Namen Löwenstein. Die männliche Linie der Löwenstein-Familie starb mit Abraham Löwenstein 1875 in Laupheim aus.

Die Grabsteine von Isak-Sekel N-1, Marx N4/12 und David Löwenthal N16/12 1), ziert jeweils eine Levitenkanne. Diese deutet auf levitische Abkunft. Den Leviten oblag im Tempel unter anderem die Einhaltung der kultischen Reinheit, und so wuschen sie den Priestern vor dem Opferkult die Hände.

Auf der Einwohnerliste von 1863 standen nur siebzehn Juden mit voller Staatsbürgerschaft und 152 als „Beisitzer“. Zu diesen Familien gehörten auch die wenthals. Sie waren durch Einheirat mit den Familien Bernheim, Einstein, Nördlinger, Hofheimer, Steiner, Kirschbaum usw. verwandt.

Marx Löwental

(1776–1856)  Er ist ein Sohn von Isak-Sekel, gilt als der Urvater aller Löwenthaler Hopfenhändler. Er erbte als ältester Sohn das Unternehmen, einen Viehhandel, und bewohnte ein Fünftel des Hauses Judenberg 22–24. Es war das erste der Langhäuser“, in dem bereits sein Vater und Großvater wohnten und die von Freiherr Carl Damian von Welden für die Juden gebaut wurden.

Mitte des 19. Jahrhunderts gründete Marx die Firma M. Löwenthal und Sohn Hopfenhandel. 1877 entstand der Neubau eines großen Wohn- und Bürohauses mit rückwärts liegendem Hopfenmagazin in der Kapellenstraße 75. Architekt war der damalige Amtsbaumeister Werkmann. 1907 wurde eine Hopfendarre mit einem 25 Meter hohen Dampfkamin angebaut2).

Im 19. Jahrhundert wurde auch im Laupheimer Raum (wie in Ochsenhausen, Warthausen, Dietenheim und Wain) Hopfen angebaut.

 „Die Laupheimer Hopfengärten lagen in der Flur beiderseits der Walpertshofer Straße bis zum Bastelwald und im Weihertalösch. Das sog. ,Hasenwirts’ (Knolls Hopfenhaus), heute Wohnhaus Bader und der Hopfenweg vor dem Flugplatz halten die Erinnerung an den Laupheimer Hopfenbau wach.“ 3)

 

Louis Löwenthal

Er war Hopfenhändler und übernahm die Firma M. Löwenthal und Sohn von seinem Vater Simon (1811–1874) nach dessen Tod. Louis war mit seiner Cousine Mathilde, geb. Löwenthal, einer Tochter seines Onkels Nathan Löwenthal, wohnhaft in der Kapellenstraße 63, verheiratet. Louis war Ausschussmitglied im Verschönerungsverein, Mitglied in der Schützenmannschaft und Stadtrat. Besonders gewürdigt wurde er zusammen mit Bauinspektor Werkmann für die Ausrichtung des großen, dreitägigen Landwirtschaftlichen Bezirksfestes im September 1910, eine der bis dahin größten Festveranstaltungen in Laupheim. Anlass war das 70- jährige Bestehen des Landwirtschaftlichen Bezirksvereins. Allein 150 geladene Gäste wurden vom Oberamtmann Theodor Ehemann im Saal des Gasthofes „Zur Post beim Festessen begrüßt.

Louis Löwenthal starb am 30. Mai 1918.

„Er ist nicht im Sterberegister verzeichnet, vielleicht starb er wie seine Gattin – in Frankfurt und wurde auch dort begraben? Seine Witwe Mathilde Löwenthal, geb. Löwenthal starb am 7. 7. 1929 in Frankfurt und wurde drei Tage später in Laupheim begraben.“4)
 

Salomon Löwenthal

Geboreb 1846, ein Bruder von Louis, heiratete ebenfalls seine Cousine Rosalie, eine Tochter von Onkel Nathan. Er war seit 1893 Mitgesellschafter der Firma M. Löwenthal und Sohn.

Isaak Löwenthal

Geboreb 1848, ein weiterer Bruder, war Kaufmann und lebte in New York. Später kehrte er als Privatier nach Laupheim zurück und starb dort am 30. November 1929. Sein Familienstand ist nicht angegeben.

Nachdem Louis Löwenthal und sein Bruder Salomon Löwenthal 1910 aus der Firma ausgetreten waren, übernahm Selmar (Sepper), ein Sohn von Salomon Löwenthal in Ulm, die Firma. Auch nach der Machtübernahme Hitlers lief das Hopfengeschäft noch gut.

Im Juni 1935 schreibt Bürgermeister Marxer an das Oberamt Laupheim bezüglich der Judenfrage:

 
„Die große Bedeutung der jüdischen Steuerkräfte im Haushalt der Stadt Laupheim geht aus den Anlagen ohne weiteres hervor. Der steuerbare Gewerbeertrag 1935 der Fa. M. Löwenthal und Sohn, Hopfen, wird sich nach einer vorläufigen Mitteilung des Finanzamtes Laupheim wesentlich erhöhen.“ 5)
 

Am 16. Juli 1937 wird die Firma mit Anwesen von der Steiner Grundbesitzverwaltung GmbH Laupheim aufgekauft, die 1966 in Simon H. Steiner umgewandelt wird.

1972 erwirbt die Firma Landmann und Sohn GmbH in Fürth/Bayern das Wohnhaus mit Hopfenmagazin und veräußert den Besitz 1982 an Dr. Gernot Huxoll und dessen Ehefrau Renate.

Nachdem das Ehepaar Huxoll aber ein Anwesen in der Lange Straße 53 erwerben konnte, wurden die inzwischen abbruchreifen Gebäude in der Kapellenstraße bereits 1983 an die GWO in Laupheim wieder weiterverkauft. Josef Braun schreibt darüber:

 
„Bis vor wenigen Jahren konnte man dem im Bild rechts stehenden Wohnhaus trotz der geschlossenen Fensterläden und der Vernachlässigung noch Gefallen abgewinnen. Nun aber haben ,vorsorglich veranlagte Andenkenjäger die schmucke, massiv eichene Eingangstüre mit einem ausgezeichneten, handgeschmiedeten Türfüllungsgitter aus zahlreichen, kleinen Rosetten, das Oberlicht und manches Stück des Hausinnern demontiert; auch die schöne Windfahne wurde heruntergeholt und so das gefällige Gebäude zur Hausruine gestempelt. Es wird deshalb wohl nicht mehr allzu lange dauern, bis der Räumbagger wie- der ein Stück harmonischer Baugestaltung im alten Laupheimer Straßenbild beseitigt haben wird.“6)

 

John H. Bergmann in einem Brief am 20.12.1987 an einen Nachkommen der Ulmer Löwenthals: 

Vor Jahren habe ich mich in die Haustüre der Kapellenstraße 65 verliebt, das Haus, in dem Louis und Mathilde wohnten. Die Nagellöcher wo einst die Mesusah befestigt waren, konnte man immer noch sehen. Ich habe ein Foto beigelegt, jedoch hätte ich es gerne schnellstens wieder zurück!“

Im April 1985 stellte die Fa. Mack aus Friedberg noch eine Bauvoranfrage für die Erstellung eines SB-Markts. Pläne wurden gefertigt, das Bauvorhaben jedoch wieder aufgegeben. 7)

Schon vorher hatte die GWO Laupheim konkrete Bebauungsvorschläge zur Erstellung einer Wohnanlage eingereicht. Dies entsprach letztlich mehr den städtebaulichen Zielvorstellungen des Gemeinderats und 1988 konnte nach dem Abriss der Gebäude, einschließlich dem 27 m hohen Kamin, mit dem Bau von Eigentumswohnungen begonnen werden.

 Die Haustüre des Löwenthalschen Anwesens, in die John Bergmann verliebt war,

ist erhalten geblieben: Bei der Restaurierung des Ochsen in der Kapellenstraße hat sie

Architekt G. Mann als Eingangstüre für die Stallschänke verwendet.

 

LAUPHEIM (sz) – Einen interessanten Vortrag bietet der Seniorenclub Laupheim am kommenden Mittwoch, 22. Januar, ab 14.30 Uhr. Wo befand sich z. B. die Hopfenhandlung wenthal & Sohn und wie sieht es heute dort aus? Diese und ähnliche Fragen beantwortet Theo Miller in seinem abwechslungsreichen Diavortrag Laupheim gestern und heute“ im Saal des kath. Gemeindehauses. Gäste sind willkommen. Auf den Bildern sieht man den Standort der Firma Löwenthal & Sohn gestern (links) und wie es heute dort aussieht (rechts).

(Foto: Archiv Theo Miller SZ v. 17. 1. 2003)

 

 

Die Kinder von „Louis Löwenthal:

Selmar (Sepper) Löwenthal, geb. 20. 3. 1878 in Laupheim, war ein Freund von Max Bergmann (1879–1952). Mit ihm und anderen Laupheimern war er z. B. an der Fastnachts-Groß-„Mobilmachung“ 1911 in Bronnen beteiligt. 


„Sie haben es fertiggebracht, lauter abgängige Originaluniformen vom Standortkommandanten der Ulmer Garnison ausgeliehen zu bekommen; dazu noch die Waffen für die Infanterie.“
8)
 

Er war im Radfahrerverein und wie sein Vater Louis im Schützenverein. „Die beiden Löwenthal, die fehl’n auf keinen Fall“, reimte Wilhelm Preßmar in seinemLaupheimer Schützenmarsch anno 1910. Und weiter: „Seit Selmar Ehemann, ist zahm er wie ein Lamm.“

Es existiert auch noch eine Einladung, die Selmar und sein Freund Max gemeinsam erhielten. John H. Bergmann schreibt darüber:

 
Die Party fand am 13. Dezember 1907 in der „Schloss-Schenke“, einem beliebten Aufenthaltsort jener Zeit, um halb acht abends statt. Frack oder Schwalbenschwanz waren obligatorisch! Das Essen muss kostspielig gewesen sein.“ 9)
 

Am 2. August 1914 musste er als Unteroffizier einrücken. Noch im selben Jahr wurde er zum Vizewachtmeister und am 1. Januar 1914 zum Wachtmeister befördert. Er erhielt mehrere Verdienstmedaillen und das EK II. Klasse. Wegen des Antisemitismus des Regiments-Kommandeurs, Major Hartenstein vom Res. Feld. Art. 26, kam es zu keiner weiteren Beförderung. Nach Abwehrschlachten, Vormärschen, Stellungs- und Rückzugskämpfen wurde er am 20. November 1918 entlassen. 10)



In der zweiten Reihe links steht Selmar, rechts sein Vater Louis,

ganz im Vordergrund ist Vorstand Paul Gerhardt.

(Aus: Braun, Alt-Laupheimer Bilderbogen, S. 30)


Der Laupheimer Radfahrerverein, 1893. Vorne, von links:

Vorstand Raff, daneben Selmar Löwenthal (mit Mütze).

(Aus: Braun, Alt-Laupheimer Bilderbogen, S. 41)


Selmar heiratete noch in Laupheim. Nach dem Krieg ließ er sich in Frankfurt am Main nieder und wurde Besitzer einer Schleifmittelfirma. Öfters besuchte er die Bergmanns in New York und tauschte alte Erinnerungen aus.11) Seine Schwester Irma Löwenthal wurde 1879 in Laupheim geboren. Sie feierte 1922 Bat Mitzwa12), ein Fest der religiösen Mündigkeit und vollen Aufnahme in die Gemeinde mit 13 Jahren, vergleichbar mit einer katholischen Firmung oder einer evangelischen Konfirmation.

Ein Foto um 1893 zeigt Irma Löwenthal mit einer Bergmann-Tochter. Über ihren späteren Verbleib ist nichts bekannt.

 

Flora Bergmann (links) und Irma Löwenthal als Wäscherinnen posierend.


Quellen:

1) „Der Jüdische Friedhof Laupheim“, Nathanja Hüttenmeister.

2) Pläne Notariat Laupheim.

3) Josef K. Braun, Altlaupheimer Bilderbogen“, Band I, Seite 168.

4) „Der Jüdische Friedhof “, S. 459. Louis Löwenthal starb nicht wie angegeben 1910, sondern 1918.

5) Kreisarchiv Biberach, Schreiben vom 22. 6. 1935.

6) Josef K. Braun, Altlaupheimer Bilderbogen Band II, Seite 288.

7) Stadtbauamt Laupheim, Archiv

8) "Altlaupheimer Bilderbogen" Band I, Seite 197

9) Die Bergmanns aus Laupheim, John H. Bergmann

10) Erinnerungsblatt an den Weltkrieg 1914 - 1918 für die israelische Gemeinde Laupheim

11) John H. Bergmann in einem Brief am 20.12.1987

12) Gerstenberg, Judentum Geschichte, Lehre und Kultur“: „Mit 13 Jahren gilt ein Junge als Bar Mitzwa (Sohn des Gebotes) und als Verantwortlicher für seine religiösen Handlungen. So muss er z. B. von nun an am Jom Kippur fasten und zählt in der Synagoge als Mitglied des Minjan. Ein Mädchen ist mit 12 Jahren Bat Mitzwa (Tochter des Gebotes). Diese Feier für Mädchen entstand erst Anfang des 20. Jahrhunderts.“

 

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