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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 373 - 375 

NATHAN, Heinrich

Bronner Straße 3

 

DR . ANTJE KÖHLERSCHMIDT

Heinrich Nathan, geb. 24. 11. 1857 in Laupheim, gest. 23. 8. 1938 in Laupheim, OO Betty, geborene Götz, geb. 6. 10. 1875 in Hürben, Emigration am 17. 6. 1941 in die USA, gest. 20. 11. 1951 in New York, USA,
[– Frida Nathan, geb. 1900, OO Joseph Walz, geb. 1900],
Flora Walz, geb. 17. 8. 1922 in Göppingen, Emigration am 17. 6. 1941 in die USA,
[– Emma Nathan, geb. 17. 11. 1901 in Laupheim, gest. 5. 10. 1907 in Laupheim],
Alexander Nathan, geb. 12. 5. 1905 in Laupheim, Emigration am 18. 2. 1938 über Italien nach Rio de Janeiro, Brasilien, [– Lina Nathan, geb. 12. 5. 1905 in Laupheim]
Schwestern und Nichte von Betty Nathan:
Ida Adelsheimer, geborene Götz, geb. 8. 10. 1878, Wegzug am 9. 10. 1941 nach Göppingen,
Paula Adelsheimer, geb. 3. 9. 1914 Göppingen, Deportation ins KZ Theresienstadt am 23. 8. 1942 und am 19. 10. 1944 nach Auschwitz,
Martha Götz, geb. 9. 12. 1880 in Krumbach, Deportation am 19. 8. 1942 ins KZ Theresienstadt, gest. 30. 3. 1943 im KZ Theresienstadt. 

Spuren zu Heinrich Nathan und seinen hier angeführten Angehörigen sind trotz intensiver Recherche sehr spärlich geblieben. Heinrich Nathan war am 24. November 1857 in Laupheim als Sohn von Alexander Samuel Nathan (1819–1898) und Wilhelmine, geborene Heumann (1833–1914), zur Welt gekommen, in seinem Elternhaus in der Bronner Straße 3 aufgewachsen und zeit seines Lebens dort wohnen geblieben. Er betätigte sich später als Händler mit Vieh, Pferden, Gütern, Fellen und Fleisch. Aus der am 26. Januar 1899 in Hürben geschlossenen Ehe mit Betty, geborene Götz, gingen vier Kinder hervor. Nach den beiden Töchtern Frida, geboren 1900, und Emma, geboren 1901, kam das Zwillingspärchen Lina und Alexander am 12. Mai 1905 in Laupheim zur Welt. Aus der Zeitung zum jüdischen Purimfest 5667, d.h. am 28. Februar 1907, stammt eine humoristische Anzeige, die sich auf Heinrich Nathan bezieht und scheinbar auf seine große Sammelleidenschaft anspielt. Anlässlich dieses Festes, das an die Errettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora erinnert, wurde ein freudig gestalteter Gottesdienst in der Synagoge und auch ein ausgelassenes Fest im Hotel Kronprinz in Laupheim gefeiert. In dessen Mittelpunkt stand das Verkleiden mit bunten Trachten und das Veranstalten von Umzügen, zudem wurden Geschenke und Süßigkeiten ausgetauscht.

Im Herbst des gleichen Jahres, am 5. Oktober 1907, starb die zweitgeborene Tochter der Familie Nathan, Emma, im Alter von nur knapp sechs Jahren. Die anderen Geschwister wuchsen in Laupheim auf und besuchten die jüdische Volksschule. Näheres ist nicht bekannt.

Frida Nathan heiratete später Joseph Walz und ging vermutlich mit ihrem Mann nach Göppingen, wo auch ihre Töchter Flora 1922 und Edith 1925 geboren wurden. Die jüngere Schwester Lina Nathan zog am 15. Oktober 1929 nach München, wo sich ihre Spur verliert. Ihr Zwillingsbruder Alexander Nathan berichtete nach dem Krieg über seinen Werdegang:

 „Ich bin 1905 in Laupheim geboren und lebte von 1930 bis zu meiner Emigration teilweise in Laupheim und teilweise in Berlin. Seit 1930 war ich in der ,Lichtspielbetriebsgesellschaft’ mit Sitz in Laupheim aktiv. (Carl Laemmle und Max Friedland waren Teilhaber.) Im Verlauf der Eliminierung jüdischer Unternehmen wurde ich vom Direktor der ,Deutschen Universal-Film’ in Berlin, Dr. Rüdiger von Etzdorf, in sein Büro übernommen, um von dort aus die Firma aufzulösen. 1938 emigrierte ich, heiratete Anfang 1939 Susanne Ruth Singer aus Nürnberg und ging nach Brasilien. Da wir mit einem Touristenvisum gekommen waren, erhielten wir keine Arbeitserlaubnis und keine unbegrenzte Aufenthaltsbewilligung – die Vargas-Regierung war deutschfreundlich –, bis Brasilien in den Krieg gegen Deutschland eintrat. Ich wohne seit 1940 in dieser Stadt. Die ersten Jahre waren nicht leicht für uns. Ich begann als Import-Makler, 1958 stieg ich in Folge des Fehlens fremder Währung auf Export um, und das ist mein Arbeitsgebiet bis heute.“
(„Lebenszeichen. Juden aus Württemberg nach 1933.“, hrsg. v. Walter Strauss. Gerlingen 1982, Seite 220.)

 

1964 erwarb Alexander Nathan, verheiratet und in Porto Alegre in Brasilien wohnhaft, wieder die deutsche Staatsangehörigkeit, die ihm von der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in London ausgehändigt wurde.

Die Eltern Heinrich und Betty Nathan lebten weiterhin in Laupheim. Als einziges Dokument aus dieser Zeit ist die Ablehnung eines Gesuchs um Weiterbeschäftigung der 20jährigen Hausgehilfin Anna Engelhardt vom 14. Dezember 1935 überliefert, was mit dem „zeitweiligen Zuhausesein des Sohnes Alexander“ begründet wurde. Noch kurz vor dem Tod von Heinrich Nathan, der am 23. August 1938 in Laupheim 81jährig starb, war das Haus in der Bronner Straße 3 am 2. August 1938 an den Viehhändler Franz Geiselhardt verkauft worden, vermutlich im Zuge der Vorbereitungen ihrer Auswanderung. Da die Familie dort wohnen blieb, war wahrscheinlich vertraglich ein Wohnrecht vereinbart worden. Im Zuge der zunehmenden Entrechtung und Vertreibung der jüdischen Deutschen zogen immer wieder manchmal nur für kurze Zeit Verwandte zu, um in der Geborgenheit der Familie sich gegen die Repressalien der Nationalsozialisten zu wappnen und Wege aus dem Land zu finden.

Betty Nathans verwitwete Schwester Ida Adelsheimer hielt sich vom 19. April bis zum 25. Juni 1940 hier auf, am 11. November 1941 zog sie nach Göppingen, wo sich ihre Spur verliert. Deren Tochter Paula Adelsheimer, die Säuglingsschwester war, blieb zweimal für ein paar Tage im jüdischen Altersheim am Judenberg 2 in Laupheim, nämlich vom 11. bis zum 19. November 1940 und vom 25. Februar bis zum 29. März 1942. Von Stuttgart aus wurde sie wie ihre Tante Martha Görtz am 23. August 1942 nach Theresienstadt und von dort am 19. Oktober 1944 ins KZ Auschwitz deportiert und ermordet. Martha Götz wohnte vom 1. Dezember 1935 bis zum 6. Oktober 1938 in der Bronner Straße 3 und dann wieder ab 20. Juli 1939. Mit der vierten Deportation, die von Laupheim ausging, wurde sie nach Theresienstadt deportiert und ist dort am 30. März 1943 im Alter von 63 Jahren gestorben.

Ihrer Schwester Betty Nathan war es gemeinsam mit ihrer Enkelin Flora Walz am 17. Juni 1941 buchstäblich in letzter Sekunde gelungen, Nazideutschland zu verlassen und in die USA zu emigrieren, wo sie am 20. November 1951 starb.

 

 

Quellen:

Hecht, Cornelia; Köhlerschmidt, Antje: Die Deportation der Juden aus Laupheim. Laupheim 2004. Hüttenmeister, Nathanja: Der Jüdische Friedhof Laupheim. Laupheim 1998. S. 518, S. 564–565. Lebenszeichen. Juden aus Württemberg nach 1933. Hrsg. v. Walter Strauss. Gerlingen 1982. S. 220. Nachlass John Bergmann 5/24.

Staatsarchiv Württemberg. 65/18 T 4. Stadtarchiv Laupheim, FL 9811–9899 Ia. Standesamt Laupheim, Familienregister Band V.


 

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