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Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung

Gedenkbuch Seiten 464 - 469 

SCHMAL, Julius,

Marktplatz 2

 

DR . ANTJE KÖHLERSCHMIDT

Julius Schmal, geb. 1. 7. 1863 in Laupheim, gest. 11. 11. 1938 in Stuttgart, OO Betty Schmal, geborene Oberdorfer, geb. 25. 6. 1874 in Pflaumloch, Deportation am 19. 8. 1942 nach Theresienstadt, dort gest. 30. 9. 1943, [– Heinrich Schmal, geb. 21. 7. 1897 in Laupheim, gest. 8. 8. 1897 in Laupheim],
[– Simon Schmal, geb. 12. 7. 1898 in Laupheim],
[– Recha Schmal, geb. 29. 9. 1900 in Laupheim, Deportation am 23. 8. 1942 ins KZ Theresienstadt, befreit!],
[– Otto Schmal, geb. 10. 3. 1905 in Laupheim]. 

Der Nachruf zu Betty Schmal, geborene Obernauer, die am 30. September 1943 in Theresienstadt starb, weist anhand der Aufenthaltsorte ihrer drei Kinder auf die wechselvollen Wege der einzelnen Familienmitglieder hin. Demnach hatte die Flucht bzw. das Schicksal die Geschwister während der Zeit des Nationalsozialismus auf drei Kontinente zerstreut. Simon Schmal lebte 1945 in den USA/Nordamerika, Recha in der Schweiz und Otto in Südafrika. Aufgrund der mageren Quellenlage können ihre Wege im weiteren Verlauf nur fragmentarisch nachgezeichnet werden.

 Aufbau“, New York v. 4. 5. 1945

 

Die Familie Schmal in Laupheim

Doch zunächst geht der Blick nach Laupheim, wo der älteste Vertreter der Familie, Simon Schmal, 1823 auf dem jüdischen Friedhof begraben wurde. Julius Schmal gehörte zur vierten Generation der Familie am Ort und war das fünfte von elf Kindern des Metzgers Simon (1828–1898) und Emilia Schmal, geborene Löwengardt (1833–1900). Er wuchs hier auf und folgte seinem Vater in seinem beruflichen Werdegang, indem er Metzger und Kaufmann wurde. Am 19. Oktober 1896 heiratete er in Laupheim Betty Oberdorfer aus Pflaumloch.

Das Paar lebte im Haus am Marktplatz 2. Ihr erstgeborener Sohn Heinrich verstarb am 8. August 1897 nur wenige Tage nach seiner Geburt. Im Jahr darauf wurde Simon am 12. Juli 1898 geboren. Die einzige Tochter Recha kam am 29. September 1900 zur Welt und ihr jüngerer Bruder Otto am 10. März 1905. Die drei Geschwister wuchsen in Laupheim auf, besuchten die jüdische Volksschule und zumindest Simon auch die Latein- und Realschule.

Recha Schmal ist als neunjähriges Mädchen auf dem Foto der jüdischen Volkschule aus dem Jahr 1909, an der Bernhard Sichel als Lehrer unterrichtete, abgebildet.

Israelitische Volksschule 1909:

Emma Heumann, Recha Schmal, vorne Poldele Friedberger.

 

Über die Eltern Julius und Betty Schmal ist wenig bekannt, so gibt es auch kein Foto von ihnen. Julius Schmal, der wie später sein ältester Sohn Simon dem kaiserlichen Deutschland gedient hatte, wurde auf der am 29. Januar 1927 im kleinen Rabensaal abgehaltenen Generalversammlung des überkonfessionellen „Krieger- und Veteranen-Vereins Laupheim gewürdigt. „Bei dem Punkt Ehrungen von Kameraden erhielten für die 25jährige Zugehörigkeit zum Verein den Ehrenschild die Kameraden Münch Paul, Traub Mathias, Preßmar Wilhelm, Einstein Max, Lang Bernhard, Müller Johannes, Bitterle Max und Schmal Julius.“ („Laupheimer Verkündiger“ vom 31. 1. 1927) 

Einem anderen Artikel aus der Gemeindezeitung für die israelitischen Gemein- den Württembergs vom 16. 2. 1928 über die Plenarversammlung des israelitischen Frauenvereins zufolge gehörte neben formellen Tagesordnungspunkten auch eine kulturelle Umrahmung dazu: Auf musikalische Darbietungen von Frl. Wallersteiner und Kahn und der Herren Kurz und Schmal folgte eine Parodie auf die Damen des Ausschusses, die, von unserem Lokaldichter verfaßt, von einigen jungen Mädchen unserer Gemeinde vortrefflich dargestellt wurde.“ Bei dem erwähnten Herren Schmal dürfte es sich wahrscheinlich um den 23jährigen Otto Schmal gehandelt haben.

 

Simon Schmal

Der älteste Sohn Simon war auf einem Foto der Laupheimer Latein- und Realschule aus dem Jahr 1910 zu finden und schaut selbstbewusst in die Kamera. Er absolvierte die Schule erfolgreich und legte das Abitur ab, um anschließend in Tübingen, München und Freiburg Medizin zu studieren. In diese Zeit fiel der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Als neunzehnjähriger Medizinstudent rückte er am 22. Januar 1917 in das Reserve-Infanterieregiment 247 nach Wiblingen ein und erreichte den Dienstgrad eines Musketiers. Bereits 1917 kämpfte er in der Frühjahrsschlacht bei Arras, in den Herbst- und Winterkämpfen in Flandern und wurde an der Offensive am Kemmel 1918 eingesetzt. Für seinen Einsatz wurde er mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse sowie der Württembergischen Silbernen Militärverdienstmedaille ausgezeichnet. Nach der Novemberrevolution und dem Waffenstillstand von Compiegne wurde er am 2. Dezember 1918 aus dem Militärdienst entlassen. Im Anschluss daran setzte er sein Medizinstudium fort. Seine Approbation, d.h., die staatliche Zulassung zur Berufsausübung als Arzt, erhielt er 1923. Im gleichen Jahr promivierte er in Freiburg zum Dr. med. Der Reichs-Medizin-Kalender aus dem Jahr 1935 verzeichnete ihn als Kinderarzt, der in der Königstraße 44 in der Landeshauptstadt Stuttgart praktizierte. Am 12. März 1936 heiratete er Greta Schmid, mit der er 1938 in die USA nach Ithaka auswanderte, wo er als General Practitioner, d.h. Arzt für Allgemeinmedizin, arbeitete.

 

 Realschule 1910: Simon Schmal (oben), Wörz (unten).

(Foto: Archiv Ernst Schäll)


Otto Schmal

Der jüngste der Geschwister hatte bis Herbst 1929 in Laupheim gelebt und zog dann nach Wiedenbrück in Westfalen. Laut Standesamtunterlagen heiratete er am 25. August 1938 in Hannover Hilda Julia Rothenburg. Der oben abgedruckten Anzeige ist zu entnehmen, dass es ihm und seiner Frau gelang nach Südafrika zu emigrieren. Mehr ist nicht bekannt.

 

Recha Schmal und ihre Eltern

Wie ihr älterer Bruder hat sich Recha für einen medizinischen Beruf entschieden und absolvierte nach ihrer Schulzeit in Laupheim eine Ausbildung zur Krankenschwester in Stuttgart, wo sie in der Bismarckstraße wohnte. Offiziell war sie in Laupheim bis zum 2. April 1928 gemeldet und zog dann nach Bad Cannstatt, wo es seit 1871 eine eigene jüdische Synagogengemeinde gab, die 1936 mit der von Stuttgart vereinigt wurde. Über die folgenden Jahre gibt es keine verlässliche Informationen. Aber es ist anzunehmen, dass sie all die Jahre dort ihrem Beruf als Krankenschwester nachging. Die Verbindung nach Laupheim blieb aber über die Eltern bestehen, aber auch über freundschaftliche Kontakte wie mit ihrer Jahrgängerin Gretel Gideon, mit der sie eng befreundet war. Ein Foto aus dem Jahr 1916 zeigt die Freundinnen als 16jährige Jugendliche.

 

Gretel Gideon und Recha Schmal um 1916. Recha überlebte das KZ Theresienstadt.

(Foto: Bilderkammer Museum)

1935 bzw.1936 zogen Rechas Eltern, Julius und Betty Schmal, nach Bad Cannstatt. Ihr Vater starb am 11. November 1938 in Stuttgart, wo er auch bestattet wurde. Im Gegensatz zu den Brüdern Simon und Otto gelang es Recha mit ihrer Mutter nicht aus Nazideutschland zu emigrieren. Statt dessen wurden beide am 23. August 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Im gleichen Transport befand sich die zwei Jahre jüngere Selma Wertheimer aus Laupheim. Drei Postkarten aus Theresienstadt, 1943/44 von ihr an Gretel Gideon, die ihre Nachbarin in der Radstraße gewesen war und in die Schweiz emigrieren konnte, sind erhalten geblieben und befinden sich in den Laupheimer Museumsbeständen.

 

„Liebe Freunde,        
Theresienstadt,
den 18. 10. 1943 über Eure Grüße freue ich mich sehr und hoffe, dass es dir, liebe Gretel, wieder gut geht. Es geht mir selbst soweit gut, gehe täglich zur Arbeit. Meine
Eltern sind gestorben Recha sehe ich öfters, sie wohnt mit mir im gleichen Haus. Grüße bitte Rosa und Hermine.
Herzliche Grüße Selma Wertheimer“
 

Der Text der Postkarte ist neutral gehalten, musste er doch die Zensurstelle der Nazibehörde im KZ Theresienstadt passieren, um den Adressaten überhaupt zu erreichen. Nicht nur Selma Wertheimer hatte ihre Eltern kurz hintereinander im Januar und Februar 1943 dort verloren, sondern auch Recha. Ihre Mutter Betty Schmal starb am 30. September 1943 ebenfalls im KZ Theresienstadt. Die miserablen Lebensbedingungen des überfüllten Lagers trugen zu einer hohen Mortalitätsrate bei. Die Ulmer Krankenschwester Resi Weglein, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse in dem Buch Als Krankenschwester im KZ Theresienstadt festhielt, erinnerte sich sowohl an Elsa Ruth Rieser als auch an Recha Schmal, die beide aus Laupheim stammten und nun als Schwestern in Krankenstuben arbeiteten und meist ältere Häftlinge pflegten.

Im Februar 1945 wurden von der SS 1200 Menschen, davon 400 durch die Verwandten im Ausland, zu einem Transport in die Schweiz angefordert. Dies war ein einmaliges Ereignis in der Geschichte des Ghettos, weshalb die Menschen äußerst misstrauisch waren. Die unzähligen Transporte von Theresienstadt aus hatten in die großen Vernichtungslager, hauptsächlich nach Treblinka und Au- schwitz, geführt, wo die Deportierten ermordet wurden. Deshalb brachten nicht alle den Mut auf, ja zur Teilnahme an diesem Zug in die Schweiz zu sagen. Sein Zustandekommen war das Ergebnis internationaler, vor allem jüdischer Interventionen. Er war hauptsächlich eine Abmachung zwischen dem Schweizer Altbundespräsidenten Jean Marie Musy und dem Reichsführer SS Heinrich Himmler. Aus Sicht der dann im Mai 1945 in Theresienstadt befreiten Augenzeugin Resi Weglein wurde er wie folgt durchgeführt:

 
„Selbstverständlich hatte in der Sokolowna (Anm. d. V.: Es war ein ehemaliges Vereinshaus mit Turnhalle der tschechischen Turnerschaft Sokol, in dem während der NS-Zeit lange ein‚ Typhusspital und Siechenheim' eingerichtet war.) die SS die Freiwilligen und die Angeforderten in Augenschein genommen. Es durften nur solche Menschen in den Transport, die einigermaßen gut aussahen. Da die meisten ausgehungert waren, war die Auswahl nicht sehr leicht, und die SS schreckte auch viele damit, indem sie erklärte, dass die Macht der Partei auch in die Schweiz reichte und dass es jedem schlecht ginge, der Greuelmärchen verbreite. Für die SS war die Wahrheit ein Greuel. Bei dem schlechten Gewissen muß die Angst groß sein. . . . Es durfte lediglich nur ein Koffer und eine kleine Bettrolle mitgenommen werden, also nur das, was jeder selbst tragen konnte. Die übrige Habe wurde nach der Abreise von der Fürsorge oder vom Nachlassgericht geholt. Gegen 6 Uhr morgens kamen die Menschen von der Magdeburger Kaserne nach Hause. Wieder war eine unbeschreibliche Aufregung im Lager, da bis zum Abend 1200 Menschen in der Schleuse sein mussten. Kriegsbeschädigte und Kranke waren vom Transport ausgeschlossen. Zum ersten Mal bekamen die Abreisenden nicht die unrühmliche Hundemarke mit der neuen Transportnummer um den Hals gehängt. Dagegen mussten auch dieses Mal das Ghettogeld und die Sparbücher zurückbleiben. Und zum erstenmal standen auf dem Bahngleis in der Bahnhofstraße nicht mehr die gefürchteten Viehwagen, sondern wirkliche Schnellzugwaggons. Trotz allem waren wir alle misstrauisch, und niemand wollte daran glauben, dass man ‚entghettoisiert' werden konnte.
Wie bei früheren Transporten machte man mit seinen Freunden und Bekannten aus, dass sie schreiben sollten, wenn es eine Möglichkeit geben sollte. Wie früher auch, suchte man nach einem Schlüssel, nach dem man bei etwaigem Eintreffen der Post im Ghetto wissen würde, ob die Menschen es besser oder schlechter getroffen hätten. Die wenigen Nachrichten, die von den Vernichtungstransporten nach Birkenau-Auschwitz zu uns gekommen waren, strotzten von Fehlern. Dadurch haben wir gewusst, dass die Armen es noch viel, viel schlechter hatten als wir.
Die ersten Nachrichten aus der Schweiz trafen etwa im April ein, ohne orthographische Fehler, mit tiefen Dankesworten für die guten Menschen, die rührend für diese Juden sorgten. Von den 35 im Lager verteilten Karten habe ich drei gelesen, . . ." (Resi Weglein, S. 78–79)
 

Am 5. Februar 1945 hatte der Zug mit den Häftlingen Theresienstadt in Richtung Schweiz verlassen, in dem Recha Schmal in die Freiheit gelangte und wie in der eingangs abgedruckten Anzeige in dem Flüchtlingslager Les Avant sur Montreux, Schweiz, Zuflucht fand. Damit gehört sie neben Elsa Ruth Rieser zu den beiden Überlebenden des Holocaust, die aus Laupheim stammten und in Deutschland verblieben waren.

Welche Wege das Leben der auf drei Kontinenten zerstreuten Geschwister Simon, Recha und Otto Schmal nach 1945 nahmen, war nicht zu ermitteln.

 

Isidor Schmal

Die Recherchen zu Laupheimern, die nach München gegangen waren, führten auch zu einem der jüngeren Brüder von Julius Schmal, nämlich Isidor Schmal, der am 9. Januar 1871 in Laupheim geboren wurde. Nach seinem Schulbesuch ging er 1888 nach München, wo er Fachmann für Tinten und Klebstoffe wurde und als Prokurist bei der Firma C. Stark, Chemische Tintenfabrik und Klebstoffe, in der Nussbaumstraße 14 in München arbeitete. Wie seine Schwägerin Betty Schmal, geborene Oberdorfer, und seine Nichte Recha Schmal, wurde er am 2. Juli 1942 von München aus nach Theresienstadt und am 19. September 1943 ins Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet.

Isidor Schmal.

(Foto: Stadtarchiv München)


 

Quellen:

Adreß- und Geschäfts-Handbuch für die Oberamtsstadt und die Bezirksgemeinden Laupheim. 1925. München 1925.

Aufbau“ vom 4. Mai 1945.

Bergmann, John: Die Bergmanns aus Laupheim. Scarsdale/New York, 1983. Hrsg. v. Karl Neidlinger. Laupheim 2006. S. 121.

Biograph. Gedenkbuch der Münchner Juden/2. Hrsg. vom Stadtarchiv München. München 2007. S.440. Hecht, Cornelis; Köhlerschmidt, Antje: Die Deportation der Juden aus Laupheim. Laupheim 2004. S. 102. Hüttenmeister, Nathanja: Der Jüdische Friedhof Laupheim. Laupheim 1998. S. 567.

Laupheimer Verkündiger vom 1.1.1927. Nachlass John Bergmann.

Seidler, Eduard: Kinderärzte 1933–1945. Entrechtet - geflohen - ermordet. Bonn 2000. S. 317, 388, 406. Stadtarchiv Laupheim. FL 9811-9899.

Standesamt Laupheim. Familienregisterband V. S.249.

Weglein, Resi: Als Krankenschwester im KZ Theresienstadt. Hrsg. v. Silvester Lechner u. Alfred Moos. Stuttgart 1990.

Weil, Jonas: Verzeichnis von Kriegsteilnehmern der israelitischen Gemeinde Laupheim. Laupheim 1919. Zelzer, Maria: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden. Ein Gedenkbuch herausgegeben von der Stadt Stuttgart. Stuttgart 1964.

 

 

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